Sandra Hurse entscheidet, wer dazugehört. Sie ist Vice President Human Capital Management bei Goldman Sachs und damit für das Personal zuständig. Dem Aussehen nach könnte sie eine Doppelgängerin von Michelle Obama sein. Hurse wacht darüber, dass Kandidaten nicht nur fachlich erstklassig sind, sondern auch zur eng gestrickten Kultur des Hauses passen. Die Besten der Besten bewerben sich bei ihr. Massenweise.

Goldman Sachs ist die profitabelste Investmentbank der Welt. Eine Geldmaschine, die den Globus auf der Suche nach der nächsten Gelegenheit zum Kassieren durchstreift. Gefürchtet und bewundert. Aber zuletzt auch umstritten und verunsichert. Und damit angreifbar für einen Rivalen aus einer anderen Welt: die Deutsche Bank. Die Geschichte über den Wettstreit der beiden Bankgiganten ist auch eine Geschichte über die große Krise und die Lehren, die aus ihr gezogen werden.

Die Frau, die Michelle Obama sein könnte, hat ihr Büro in einem grünlich schimmernden Turm aus Stahl und Glas am Rande des New Yorker Finanzdistrikts. Es ist das neue Hauptquartier von Goldman, 2,1 Milliarden Dollar hat es gekostet. Kein Schild oder Logo weist auf den Eigentümer hin. Die Empfangshalle aus hellem Sandstein wirkt wie eine Mischung aus Kathedrale und Bahnhof.

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Die Fähigkeit, die Besten zu einem schlagkräftigen Team zusammenzuschweißen, gilt als Geheimrezept von Goldman. Der Auswahlprozess ist berüchtigt, selbst an der Wall Street. Praktikanten müssen von vorher ausgewählten Unis kommen und zwei Selektionsrunden überstehen, um in den Sommerferien bei Goldman schuften zu dürfen. Wer einen richtigen Job will, muss gerüchteweise bis zu 20 Tests über sich ergehen lassen. Die Zahl will Hurse nicht bestätigen, sagt aber, es werde schon sehr genau geprüft, ob man zueinander passe.

Wer die Hürde nimmt, ist Teil eines globalen Netzwerks der Macht. Ex-Goldmänner sitzen an den Schaltstellen im Internationalen Währungsfonds, in Regierungen und Notenbanken. Der frühere US-Finanzminister Henry Paulson arbeitete ebenso für die Bank wie der italienische Notenbankchef Mario Draghi. Nicht zuletzt der Sorgfalt bei der Personalauswahl ist es zu verdanken, dass Goldman auch in schweren Zeiten gutes Geld verdient. Mehr als 13 Milliarden Dollar allein 2009.

Trotzdem hat die Bank ernste Probleme. Die amerikanische Börsenaufsicht hat sie wegen ihrer Geschäftspraktiken verklagt. Und Ende April mussten Manager und Händler vor dem Untersuchungsausschuss des amerikanischen Senats antreten, wo sie elf Stunden lang gelöchert wurden. Goldman wird in der Öffentlichkeit gelegentlich mit einem Vampir oder dem Teufel persönlich verglichen.

Mehrfach geht es um ein komplexes Wertpapier, das Goldman im Jahr 2007 aufgelegt hat. Es handelt sich um eine Wette auf gebündelte Kredite für amerikanische Wohnimmobilien. Der Hedgefonds Paulson & Co, so der Vorwurf, soll die Kredite mit ausgewählt haben. Paulson habe auf einen Ausfall der Kredite wetten wollen und deshalb gezielt minderwertige Darlehen ausgewählt. Und ebendiese Beteiligung Paulsons habe Goldman verschleiert. Zu Käufern des Papiers zählte die Düsseldorfer Mittelstandsbank IKB. Als die Kredite dann tatsächlich ausfielen, kassierte Paulson ab. Die IKB musste mit Staatsgeld gerettet werden.