Keiner konnte ahnen, was in den schmutzigen Klumpen steckte. Die Matrosen nicht, der Kapitän nicht und auch der König nicht. Harmlos sah die Fracht aus, die das Schiff der spanischen Flotte um 1560 auf den Kanarischen Inseln anlandete: verschrumpelte, braune, pflaumengroße Knollen, die auf der Reise von der südamerikanischen Pazifikküste weiß-grünliche Keime hervorgetrieben hatten. Und doch sollten sie die Geschichte Europas, ja der Welt verändern – Kartoffeln.

Sie ließen die Bevölkerung Europas explodieren, lieferten den Treibstoff für die industrielle Revolution, bestimmten das Schicksal zweier verfeindeter Völker und die Zukunft des heute mächtigsten Staates der Welt. Und sie ermöglichten "einer Handvoll europäischer Nationen, zwischen 1750 und 1950 den Großteil der Welt zu beherrschen", wie der amerikanische Historiker William McNeill in der Fachzeitschrift Social Research schreibt. Sie waren, so fährt er fort, "ein wesentlicher (...) Faktor für den überraschenden Aufstieg des Westens".

Es gab Hinweise. Schon einmal hatte die Kartoffel – dort, wo sie herkommt – eine Zivilisation entstehen und mächtiger als alle Nachbarn werden lassen: die der Inka. In den Anden gedieh Getreide nicht besonders, Kartoffeln aber konnten dort trotz niedriger Temperaturen reifen. Und die Eiseskälte der Nächte lieferte, zusammen mit der Sonnenkraft der Tage, eine praktische Konservierungsmethode – die Gefriertrocknung. Das war die Grundlage für den Aufstieg der Inka.

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Denn die Kartoffeln sättigten nicht nur die Bauern. Die Herrscher konnten die haltbaren Knollen als Steuern eintreiben, sie in unterirdischen Kühlhäusern lagern und damit jene Arbeiter bezahlen, die ihnen Straßen bauten und steinerne Monumente. Nicht zuletzt ließen sich damit auch Soldaten verpflegen, die Krieg führten. Als die Konquistadoren um 1535 das Inkareich eroberten und die Kartoffel entdeckten, hatte sie schon jahrhundertelang eine Hochkultur genährt.

Noch bevor die ersten Exemplare in Europa ankamen, beeinflussten die Erdäpfel die Weltpolitik. Denn chuño, die gefriergetrocknete Knolle, ernährte auch jene Tausende Zwangsarbeiter, die für die Spanier in Übersee Silbererz aus den Bergen schlugen. Der spanische König finanzierte damit die Aufrüstung von Flotte und Armee und sicherte so seine Vorherrschaft in Europa. Das von kartoffelgespeisten Arbeitern abgebaute Edelmetall – und damit indirekt auch die Pflanze – brachte gar die Weltwirtschaft aus dem Takt, indem das Silber zur ersten globalen Inflation beitrug.

Dies war das Vorspiel; ihre wahre Kraft entfaltete die Knolle, als sie in der Alten Welt ankam. Von den Kanarischen Inseln reiste sie auf das spanische Festland, von dort nach Italien und schließlich in den Norden Europas. Nach Irland und England soll sie ohne den Umweg über den Kontinent gelangt sein; wie genau, weiß niemand. Sicher ist nur, dass die Kartoffel um 1600 auf den Britischen Inseln landete – und dass sie eineinhalb Jahrhunderte später die Feindschaft zwischen Engländern und Iren befeuern sollte.

Skeptisch, ja feindselig begegneten die Menschen dem fremden Gewächs fast überall. Es dauerte fast zwei Jahrhunderte, bis es sich als Lebensmittel durchsetzen konnte. Lange wurden die weißblühenden Pflanzen nur in botanischen Gärten angepflanzt, die Knollen höchstens an Tiere verfüttert. Da Kartoffeln nicht in der Bibel vorkommen, meinten manche Kirchenmänner, Gott habe nicht gewollt, dass Menschen sie verspeisen. Den ersten Testessern wurde außerdem furchtbar übel, sie hatten die oberirdischen Früchte statt der Knollen probiert. Einige Pflanzenkundler behaupteten gar, Kartoffeln würden Lepra verursachen, weil die Knollen sie an die verstümmelten Hände von Leprakranken erinnerten. Doch selbst als Botaniker die Pflanze wissenschaftlich korrekt einsortierten, verbesserte das nicht ihren Ruf: Sie gehört zu den giftigen Nachtschattengewächsen und galt deshalb als Teufelszeug.