Simple Minds – Seite 1

Wenn ein Vulkan namens Eyjafjallajökull halb Europa lahmlegt, dann sollte man ihm die Ehre erweisen, seinen Namen richtig auszusprechen, mit ein bisschen Übung geht das ja auch. Ein paar Tage lang. Und dann reicht’s.

"E-15" – das ist nicht nur viel einfacher, es klingt auch schön wissenschaftlich. Obwohl das Kürzel nur die Erfindung überforderter Fernsehsprecher in den USA ist, die gezählt haben, wie viele Buchstaben auf das E folgen. So hat eine reichlich komplexe Angelegenheit immerhin eine bewundernswert elegante Vereinfachung hervorgebracht. Und wie dem Eyjafjallajökull dieses E-15 entstiegen ist, erhebt sich derzeit aus dem undurchdringlichen Wirrwarr unserer Computerzivilisation eine schwarze Glastafel namens iPad.

Es stimmt schon: Der Rummel um das iPad hat hysterische Züge, oh ja, er nervt. Diese Woche erst kommt das Gerät in Deutschland auf den Markt, doch schon seit der Produktvorstellung im Januar überschlägt sich ein signifikanter Teil der Erdbevölkerung vor Begeisterung über einen Computer, der doch eigentlich weniger kann als jeder bessere Laptop.

Und genau darin steckt der interessanteste Aspekt dieser Massenhysterie – ganz unabhängig von den technischen Vor- und Nachteilen des iPads, über die schon fast alles gesagt und geschrieben worden ist. Denn die überbordende iPad-Begeisterung kreist überall auf der Welt um eine Idee, um eine Vorstellung, der sonst eher still gehuldigt wird: die Einfachheit.

Die Schlichtheit des iPad-Designs – ein Bildschirm, ein Knopf zum Ein- und Ausschalten, sonst nichts – empfinden viele als lang ersehnte Befreiung vom Technikgerümpel der letzten beiden Jahrzehnte: von all den verstaubten Druckern, Scannern, Tastaturen, Mäusen und Festplatten mit ihrem grässlichen Kabelgewirr. Dass das (erste) iPad immer nur ein Programm auf einmal laufen lässt, also so unfähig zum Multitasking ist wie wir Menschen, erscheint manchem PC-Veteranen im Jahr 2010 nicht als Defizit, sondern als Verheißung einer einfacheren, konzentrierteren Zukunft.

Und das iPad ist nur der derzeit sichtbarste Ausdruck des Strebens nach Einfachheit. An vorderster Front wird der Kampf gegen die Verzettelung im Netz geführt. Eine geniale Website namens Readability.com verwandelt jede bunt blinkende Internetseite in eine Text-Oase: schwarz auf weiß, beruhigend wie ein Buch.

Andere Seiten bieten, in Anspielung auf Computerhacker, sogenannte Lifehacks an, Abkürzungen durch den Alltag: Wie kann ich mein iPhone als Kosmetikspiegel benutzen? (Gerät ausschalten, Gesicht in Richtung Lichtquelle halten, im Bildschirm spiegeln.) Wie beseitige ich Fettflecken? (Mit Kreide.) Wie kann ich diese ewig langen Copyright- und Werbeblöcke auf DVDs überspringen? (Zweimal "Stop" drücken, einmal "Play" – funktioniert nicht immer, aber oft.) Der Klassiker des Genres ist eine Antwort auf die Frage: Wie mache ich mir am besten Notizen? Der sogenannte Hipster-PDA (für "Personal Digital Assistant") besteht aus einem kleinen Stapel Karteikarten + Klammer + Bleistift und ist schneller in der Texterfassung als jedes Smartphone. 

Doch sind die Lebensvereinfacher im Internet inzwischen so zahlreich geworden, dass sie für Effizienzsüchtige unweigerlich zum Problem werden. Lifehacker nennen es das Lifehack-Dilemma: Wie viel Zeit sollte man dafür aufwenden, zeitsparende Tricks zu erlernen?

 

Noch vor zehn Jahren stellte man sich diese Frage nach jedem Gerätekauf angesichts dicker Bedienungsanleitungen. Vor dem ersten Anruf mit dem neuen Tischtelefon waren erst einmal die wichtigsten Kapitel durchzuarbeiten. Für den Fall, dass man später noch eine neue Nummer als Schnellwahl abspeichern wollte, legte man sich das Buch unter das Telefon (denn merken konnte sich die dafür nötigen Schritte niemand).

Inzwischen lassen sich selbst komplizierteste Geräte ganz gut ohne Anleitung bedienen. iPad-ähnliche Euphorie (in kleinerem Kreise) stiftet seit 2008 eine Videokamera namens Flip MinoHD: etwas länger, etwas schmaler als eine Zigarettenschachtel, hintendrauf ein roter Knopf, der die Aufnahme startet und stoppt – sonstige Features: keine.

Die Anleitungsliteratur wird unterdessen in einer wachsenden Parodieindustrie gepflegt, die Bücher herausbringt wie Das Baby. Inbetriebnahme, Wartung, Instandsetzung. Auch Die Katze und Der Hund wurden so schon simplifiziert.

Allen landläufigen Klagen über unsere komplizierten Zeiten zum Trotz: Wer nach Vereinfachung sucht, findet sie überall. Die japanische Ladenkette Muji zum Beispiel expandiert weltweit mit ihren minimalistischen Designobjekten für den Alltagsgebrauch, seit fünf Jahren auch in Deutschland, wo sich eine reduzierte Ikea-Ästhetik längst als Standard des neutralen Geschmacks etabliert hat – eine Massenwirkung, von der die Avantgardisten im Bauhaus zu Weimar vor fast hundert Jahren nur träumen konnten.

Die aktuellen Triebkräfte hinter der Einfachheit im Design sind schnell ausgemacht: Der globalisierte Absatzmarkt verlangt nach Produkten, die überall ohne besondere Voraussetzungen verstanden und benutzt werden können. Wirtschaftlich harte Zeiten zwingen zum Weglassen alles Überflüssigen. Der stärkste Antrieb aber könnte der schiere Überdruss sein: gegenüber Kompliziertheiten aller Art.

Was ist geschehen? "Komplexität stand einmal für Fortschritt", schrieb der Autor David Segal kürzlich in der New York Times, mit jedem neuen Gerät habe er Einzug in den Haushalt gehalten und sei entsprechend verehrt worden. Heute stehe Komplexität für die "teuersten, undurchschaubarsten Probleme unserer Zeit": Finanzkrisen, Ölkatastrophen, Kriege. Komplexität erscheine uns heute wie das einst geliebte "Haustier, dem Reißzähne gewachsen sind und das nun unsere Möbel auffrisst". 

Dieses Monster bringt auch das iPad nicht zurück ins Körbchen. Es ist bloß das niedlichere Haustier. Und so wäre es naheliegend, die grassierende iPad-Hysterie als Reaktion auf besonders "komplizierte Zeiten" zu deuten. Aber ganz so einfach ist es nicht. Denn die Sehnsucht nach Einfachheit treibt die Menschen um, seit sie halbwegs denken können.

Das vermeintlich "einfache Leben" früherer Epochen wurde schon von den alten Griechen verklärt. Dem Saus und Braus Athens stellte sich Sokrates entgegen, indem er die einfache Lebensführung als Weg zum Glück philosophisch begründete und selbst praktizierte. Sein Schüler Platon beschrieb in seiner Politeia die Idee der "einfachen Stadt", die sich ausschließlich an den Grundbedürfnissen ihrer Bewohner orientiert: essen, trinken, schlafen, die Götter preisen.

 

Später, inmitten der römischen Spaßgesellschaft, predigte der weise Seneca die Vorzüge der Einfachheit, allerdings auf sehr moderne Art. Er empfahl, das einfache Leben – Schwarzbrot, Wasser, dünne Matratze – gelegentlich zu trainieren, drei bis vier Tage lang. Solche Besinnung auf das Minimum sei gleich doppelt und dreifach gut für die Seele. Der Blick des "Übenden" richte sich auf das innere, geistige Leben – seinen kostbarsten Besitz, da es ihm, anders als Haus und Hof, nicht durch die Willkür des Schicksals entrissen werden könne. So mache das Einfachheitstraining unabhängig vom Luxus – den man zudem nach einer gewissen Durststrecke umso mehr genießen könne.

Derlei Ideen zur Lebensvereinfachung werden seither immer wieder variiert, in schwierigen Zeiten schwellen sie, als brandneue Entdeckungen aufbereitet, zu Modewellen an.

In den USA, zwischen Weltwirtschaftskrise und Weltkrieg, prägte 1936 der von Mahatma Gandhi inspirierte Sozialphilosoph Richard Gregg den Begriff der "freiwilligen Einfachheit" (im Unterschied zur erzwungenen Einfachheit der gerade überstandenen Depression). Nach Börsencrash und 11. September wurde in Deutschland im Jahr 2002 simplify your life zum Dauerbestseller, ein Buch des ehemaligen Pastors Werner Tiki Küstenmacher, das sich vom Entrümpeln der Wohnung bis zum Entrümpeln des Glaubens aufschwingt. Zur selben Zeit florierten in den USA Zeitschriften wie Real Simple, die nichts als Vereinfachungen für den Alltag anboten.

Die ständige, unstillbare Sehnsucht nach dem Einfachen spiegelt sich jederzeit auch in den Künsten und Wissenschaften. Die Erfindung der Einfachheit lautete der Titel einer bedeutenden Ausstellung vor drei Jahren in Berlin über die Ästhetik der Biedermeier-Ära. Der Katalog spricht vom "Kult der Schlichtheit oder Einfachheit" als Prinzip guter Gestaltung zwischen 1800 und 1830 und zitiert eine Beobachtung des Trendsetters Johann Wolfgang Goethe aus dem Jahr 1798: "Alles ist einfach und glatt; nicht Schnitzwerk oder Vergoldung will man mehr." Die Schlichtheit des Biedermeiers orientierte sich an den Schönheitsidealen der Antike, wie Jahrhunderte zuvor schon die Künstler der Renaissance: "Das absolut Schöne" definierte der Florentiner Philosoph Marsilio Ficino um 1470 als "das absolut Einfache".

Heute wird man auf der Suche nach radikaler Einfachheit in jedem besseren Museum fündig, so eng ist sie mit dem Projekt der künstlerischen Moderne verbunden: Picasso ließ sich von sogenannter primitiver Kunst inspirieren, vor den Farbflächen Mark Rothkos erlebt der Betrachter bis heute, wie aufregend extreme Reduktion sein kann. Und wer in letzter Zeit zu lange auf iPhones und iPads gestarrt hat, erblickt in einem der wichtigsten Werke des 20. Jahrhunderts plötzlich eine Art Vorbote: in Kasimir Malewitschs Schwarzem Quadrat auf weißem Grund aus dem Jahr 1915

Auch wenn das iPad kein epochales Kunstwerk ist, sondern nur ein Lifestyle-Gerät, ein Konsumprodukt, ein Taschenrechner, an dem man mit guten Gründen auch herummäkeln kann: Es will nicht zurück, sondern vorVwärts zur Einfachheit. Schon deshalb ist es das derzeit verheißungsvollste Vehikel des alten Traums.

Einfachheit ist nach allen Seiten offen: Sie kann genauso gut aus Überfluss resultieren wie aus Mangel. Sie kann ein Symbol des Reichtums sein und der Armut. Ganz leicht lässt sich die ganze Kulturgeschichte als ständiger Wettkampf zwischen Komplikation und Einfachheit erzählen. Denn jede Vereinfachung zieht wieder neue Kompliziertheiten nach sich. Und so fängt das Spiel immer wieder von vorn an.

Die elegante Abkürzung "E-15" konnte die Vulkanasche aus dem Eyjafjallajökull auch nicht stoppen. Aber einen Moment lang verleiht so eine Kurzformel dem Menschen das beglückende Gefühl, zwar nicht mächtiger zu sein als die Natur, aber immer noch einen Tick schlauer als die komplizierte Welt da draußen.