Später, inmitten der römischen Spaßgesellschaft, predigte der weise Seneca die Vorzüge der Einfachheit, allerdings auf sehr moderne Art. Er empfahl, das einfache Leben – Schwarzbrot, Wasser, dünne Matratze – gelegentlich zu trainieren, drei bis vier Tage lang. Solche Besinnung auf das Minimum sei gleich doppelt und dreifach gut für die Seele. Der Blick des "Übenden" richte sich auf das innere, geistige Leben – seinen kostbarsten Besitz, da es ihm, anders als Haus und Hof, nicht durch die Willkür des Schicksals entrissen werden könne. So mache das Einfachheitstraining unabhängig vom Luxus – den man zudem nach einer gewissen Durststrecke umso mehr genießen könne.

Derlei Ideen zur Lebensvereinfachung werden seither immer wieder variiert, in schwierigen Zeiten schwellen sie, als brandneue Entdeckungen aufbereitet, zu Modewellen an.

In den USA, zwischen Weltwirtschaftskrise und Weltkrieg, prägte 1936 der von Mahatma Gandhi inspirierte Sozialphilosoph Richard Gregg den Begriff der "freiwilligen Einfachheit" (im Unterschied zur erzwungenen Einfachheit der gerade überstandenen Depression). Nach Börsencrash und 11. September wurde in Deutschland im Jahr 2002 simplify your life zum Dauerbestseller, ein Buch des ehemaligen Pastors Werner Tiki Küstenmacher, das sich vom Entrümpeln der Wohnung bis zum Entrümpeln des Glaubens aufschwingt. Zur selben Zeit florierten in den USA Zeitschriften wie Real Simple, die nichts als Vereinfachungen für den Alltag anboten.

Die ständige, unstillbare Sehnsucht nach dem Einfachen spiegelt sich jederzeit auch in den Künsten und Wissenschaften. Die Erfindung der Einfachheit lautete der Titel einer bedeutenden Ausstellung vor drei Jahren in Berlin über die Ästhetik der Biedermeier-Ära. Der Katalog spricht vom "Kult der Schlichtheit oder Einfachheit" als Prinzip guter Gestaltung zwischen 1800 und 1830 und zitiert eine Beobachtung des Trendsetters Johann Wolfgang Goethe aus dem Jahr 1798: "Alles ist einfach und glatt; nicht Schnitzwerk oder Vergoldung will man mehr." Die Schlichtheit des Biedermeiers orientierte sich an den Schönheitsidealen der Antike, wie Jahrhunderte zuvor schon die Künstler der Renaissance: "Das absolut Schöne" definierte der Florentiner Philosoph Marsilio Ficino um 1470 als "das absolut Einfache".

Heute wird man auf der Suche nach radikaler Einfachheit in jedem besseren Museum fündig, so eng ist sie mit dem Projekt der künstlerischen Moderne verbunden: Picasso ließ sich von sogenannter primitiver Kunst inspirieren, vor den Farbflächen Mark Rothkos erlebt der Betrachter bis heute, wie aufregend extreme Reduktion sein kann. Und wer in letzter Zeit zu lange auf iPhones und iPads gestarrt hat, erblickt in einem der wichtigsten Werke des 20. Jahrhunderts plötzlich eine Art Vorbote: in Kasimir Malewitschs Schwarzem Quadrat auf weißem Grund aus dem Jahr 1915

Auch wenn das iPad kein epochales Kunstwerk ist, sondern nur ein Lifestyle-Gerät, ein Konsumprodukt, ein Taschenrechner, an dem man mit guten Gründen auch herummäkeln kann: Es will nicht zurück, sondern vorVwärts zur Einfachheit. Schon deshalb ist es das derzeit verheißungsvollste Vehikel des alten Traums.

Einfachheit ist nach allen Seiten offen: Sie kann genauso gut aus Überfluss resultieren wie aus Mangel. Sie kann ein Symbol des Reichtums sein und der Armut. Ganz leicht lässt sich die ganze Kulturgeschichte als ständiger Wettkampf zwischen Komplikation und Einfachheit erzählen. Denn jede Vereinfachung zieht wieder neue Kompliziertheiten nach sich. Und so fängt das Spiel immer wieder von vorn an.

Die elegante Abkürzung "E-15" konnte die Vulkanasche aus dem Eyjafjallajökull auch nicht stoppen. Aber einen Moment lang verleiht so eine Kurzformel dem Menschen das beglückende Gefühl, zwar nicht mächtiger zu sein als die Natur, aber immer noch einen Tick schlauer als die komplizierte Welt da draußen.