ZEITmagazin: Entspricht es Ihrer Erfahrung als Politiker, dass man den Bürgern gerade im Wahlkampf nicht die Wahrheit sagt?

Schmidt: Es entspricht nicht meiner persönlichen Erfahrung, aber ich habe sehr wohl beobachtet, dass Politiker aller Parteien sich in Wahlkämpfen häufig genug dazu verleiten lassen, Dinge, die wahr, aber unangenehm sind, zu verschweigen oder zu beschönigen. Wahlkämpfe sind keine Festivals der Ehrlichkeit.

ZEITmagazin: Das ist kein neues Phänomen.

Schmidt: Richtig, das war schon zu Zeiten des Perikles im alten Athen so, heute vor zweieinhalbtausend Jahren.

ZEITmagazin: Aber profitieren Politiker nicht langfristig davon, wenn sie die Wahrheit sagen?

Schmidt: Die Frage ist, wie lang ist langfristig? Es mag sich nach vielen Jahren oder gar Jahrzehnten auszahlen, wenn ein Politiker oder eine Partei immer ehrlich gewesen ist. In der konkreten Situation eines Wahlkampfs kann die Wahrheit dem Erfolg aber im Weg stehen. Es kommt natürlich auch immer sehr darauf an, wie der Politiker, der da redet, auf das Publikum als Person wirkt. Die persönliche Ausstrahlung ist mindestens ebenso wichtig wie der Inhalt einer Rede. Wenn jemand persönlich unappetitlich wirkt, kann seine Rede noch so klug sein, dann kommt er nicht an.

ZEITmagazin: Auch ein Schuft könnte also gewählt werden, wenn er nur gut im Fernsehen wirkt?

Schmidt: Ja, das ist so.

ZEITmagazin: Obwohl es doch heißt: Ab dreißig ist jeder selbst für sein Gesicht verantwortlich. Einen Schuft müsste man demnach an seinem Gesicht erkennen.

Schmidt: Ich würde eher sagen: Ab dreißig ist jeder selbst für seinen Charakter verantwortlich.

ZEITmagazin: Würden Sie auch sagen, dass es zu den wichtigsten Aufgaben eines Politikers gehört, den Bürgern schwierige Entscheidungen nahezubringen?

Schmidt: Das kommt auf den Einzelfall an. Wenn ein Politiker für eine schwierige Entscheidung die Zustimmung des Parlaments braucht, dann muss er dem Parlament auch die Gründe für diese Entscheidung plausibel machen. Und er muss ihm plausibel machen, welche negativen Folgen eintreten würden, wenn man die Entscheidung gar nicht oder anders träfe. Das gehört alles dazu. Wenn der Politiker das Parlament aber nicht braucht, muss er nicht jede Entscheidung öffentlich begründen.

ZEITmagazin: Es sind die Bürger, die sich danach sehnen, dass ihnen Politiker komplizierte Entscheidungen besser erklären: die Agenda 2010, die Einsätze der Bundeswehr oder die Maßnahmen zur Bewältigung der Finanzkrise.

Schmidt: Das, was Sie sagen, gilt nach meinem Urteil für die Agenda 2010. Die ist nicht richtig erklärt worden. Sie hatte auch ein paar kleine handwerkliche Fehler.