ZEITmagazin: Wo ist die Grenze zwischen rhetorischer Überzeugungskraft und purer Demagogie?

Schmidt: Ich kann das an einem Beispiel festmachen: Wenn ich lese, wie die auflagenstärkste europäische Tageszeitung, genannt Bild, in den letzten Wochen beinahe jeden Tag den Lesern klargemacht hat, dass man sein eigenes Geld nicht dafür verwenden sollte, dem aus eigener Schuld in Not geratenen Nachbarstaat Griechenland zu helfen, dann ist das in Wirklichkeit Demagogie oder, wenn Sie so wollen, ein Missbrauch der Pressefreiheit.

ZEITmagazin: Es ist auch ein Indiz dafür, dass Zeitungen in Versuchung geraten, solche Positionen einzunehmen, wenn es im Parteienspektrum niemanden gibt, der das tut.

Schmidt: Für Demagogie, sei es seitens einzelner Politiker oder politischer Parteien, einer Zeitung oder einer Fernsehanstalt, gibt es niemals eine Entschuldigung. Es gibt immer eine Erklärung, aber keine Entschuldigung.

ZEITmagazin: Haben Sie nach dem Krieg deutsche Politiker mit demagogischer Begabung erlebt?

Schmidt: Mehrere, ich selber habe auch dazugehört und zuweilen demagogische Reden gehalten. Das ist allerdings ein halbes Jahrhundert her.

ZEITmagazin: Ist das ein spätes Schuldeingeständnis?

Schmidt: Wenn Sie so wollen, können Sie das so sagen, ja.

ZEITmagazin: Haben Sie ein Beispiel parat?

Schmidt: Ich erinnere mich an einen Vorfall, das muss 1958 gewesen sein: Ein Parlamentsmitglied, Freiherr von und zu Guttenberg, der Großvater des jetzigen Verteidigungsministers, hatte die Sozialdemokraten in demagogischer Weise angegriffen und sinngemäß gesagt: Das, was ihr Sozialdemokraten wollt, unterscheidet sich in Wirklichkeit kaum von dem, was der Ulbricht und die Kommunisten wollen. Darauf habe ich in ähnlicher Weise geantwortet und gesagt, es sei eigentlich zu bedauern, dass die Deutschen nie eine Revolution zustande gebracht hätten, die dieser Art von adligen Großgrundbesitzern die materielle Grundlage entzogen hätte. Das war spontan. Aber Guttenberg und ich sind später sehr gute Kollegen geworden.

ZEITmagazin: Welcher SPD-Politiker konnte am einfachsten, aber auch am überzeugendsten zu den Menschen sprechen – Anwesende mal ausgenommen?

Schmidt: Unter den Sozialdemokraten gab es mehrere, die das konnten, insbesondere Ernst Reuter, der leider sehr früh, 1953, gestorben ist, aber auch Fritz Erler, der ebenfalls sehr früh gestorben ist, 1967.

ZEITmagazin: Und unter den Unionspolitikern?

Schmidt: Strauß stand ganz zweifellos an erster Stelle, er war die größte Begabung. Jemanden wie Richard von Weizsäcker würde ich auch nennen. Natürlich hatte die damalige Opposition zwischen 1969 und 1982, als es sozialdemokratisch geführte Bundesregierungen gab, eine Reihe von tüchtigen Rednern. Manche leben inzwischen nicht mehr. Aber auf Parlamentsebene ragte Strauß durchaus heraus.