ZEITmagazin: Lieber Herr Schmidt, Politiker sagen gern den Satz: "Ich weiß, wie es einfachen Menschen geht, ich komme selbst aus einfachen Verhältnissen." Warum ist diese Floskel so beliebt?

Helmut Schmidt: Bei mir ist sie jedenfalls unbeliebt.

ZEITmagazin: Warum?

Schmidt: Das ist plumpe Anbiederung beim Publikum.

ZEITmagazin: Aber es kommt beim Publikum gut an.

Schmidt: Glaube ich nicht. Höchstens bei einigen Leuten. Jedenfalls versuchen Politiker immer wieder, damit gut anzukommen.

ZEITmagazin: Welcher Politiker könnte denn aus gutem Grund von sich behaupten, dass er aus einfachen Verhältnissen stammt?

Schmidt: Mir ist ein englisches Beispiel vor Augen: Kurz nach dem Krieg wurde Ernest Bevin englischer Außenminister, und jeder wusste, er kam aus der Arbeiterschaft. Das war unter Premierminister Attlee. Es gibt auch in Holland so ein Beispiel: Wim Kok, der frühere Ministerpräsident. Der kam auch von unten.

ZEITmagazin: In Deutschland gibt es auch einige Beispiele: Gerhard Schröder, Sohn einer Putzfrau und eines Kirmesarbeiters, lernte nach der Volksschule zunächst bei einem Eisenwarenhändler; Joschka Fischer, Sohn eines Metzgers, ging ohne Abitur vom Gymnasium ab und verdiente seinen Lebensunterhalt zeitweise mit Taxifahren.

Schmidt: Aber Schröder und Fischer hatten beide den Vorteil, dass ihnen ein Studium möglich war. Sie haben beide die Universität von innen gesehen, auch wenn Fischer nicht immatrikuliert war. Es ist richtig, dass ihre Eltern kleine Leute waren, aber sie selber hatten bessere Chancen.

ZEITmagazin: Ist es wichtig, dass ein Politiker einfach spricht?

Schmidt: Wichtig ist, dass er verständlich spricht. Aber er darf die Dinge nicht unzulässig vereinfachen, um verstanden zu werden. Es muss wahr sein, was er sagt, und außerdem verständlich. Das ist auf manchen Gebieten schwierig, zum Beispiel auf denen der Finanzen und der Rüstung.

ZEITmagazin: Wie sind Sie selbst mit diesem Problem umgegangen? In Ihrer Amtszeit spielten die Weltwirtschaftskrise und der Nato-Doppelbeschluss eine große Rolle.

Schmidt: Ich habe natürlich versucht, auch über diese komplizierten Dinge in einfachen Worten zu sprechen und gleichzeitig bei der Wahrheit zu bleiben. Manche Leute wollten damals nicht hören, dass es Zusammenhänge zwischen einer Weltrezession und der Arbeitslosigkeit in Deutschland gibt; sie gaben der eigenen Regierung die alleinige Schuld an der Arbeitslosigkeit. Wenn wir aber ein Viertel unseres Sozialproduktes exportieren, dann hängen wir von der Nachfrage auf den Weltmärkten ab. Das ist vielen Leuten zu kompliziert, aber es ist richtig, und es hat gar keinen Zweck, darüber hinwegzupfuschen.