Die sollen doch ihre Inseln verkaufen, lautete eine Empfehlung in der Boulevardpresse zur Lösung der Griechenlandkrise. 110 Milliarden Euro für Griechenland, 750 Milliarden Euro für defizitäre Euro-Staaten insgesamt. Griechenland und anderen europäischen Ländern drohte das Geld auszugehen. Es fanden sich keine Käufer für ihre Anleihen. Staatsbankrotte standen bevor. Doch meistens wird dabei vergessen: Vor 60 Jahren befand sich die Bundesrepublik in einer ähnlichen Lage. Wir brauchten unmittelbar nach dem Krieg Hilfe, sonst wäre unser Land nicht auf die Beine gekommen.

Die Bundesrepublik stand seinerzeit vor einem riesigen Berg Auslandsschulden. Milliarden von Vorkriegsschulden und möglicherweise ein Strudel von Reparationen nach dem verlorenen Weltkrieg. Dies änderte sich allerdings mit dem Beginn des Kalten Krieges. Als Frontstaat zwischen Ost und West spielte die Bundesrepublik nun wirtschafts- und verteidigungspolitisch eine zentrale Rolle. Die Bundesrepublik sollte schleunigst in die westliche Welt integriert werden, so lautete ein vordringliches strategisches Ziel der USA.

Das setzte auch die Wiederherstellung geordneter Wirtschafts- und Finanzbeziehungen voraus. Ohne einen Abbau der deutschen Auslandsschulden ging das nicht, und so wurde die Regelung der Schuldenfrage für die USA zu einer hochpolitischen Angelegenheit. Sie allein hatten den Schlüssel zur Entschuldung in der Hand. Die USA waren in fast allen Schuldenkategorien der mit Abstand größte Gläubiger.

Dies galt sowohl für den Bereich der privaten Vorkriegsschulden als auch für die rein staatlichen Nachkriegsschulden. Bei Letzteren handelte es sich um Verbindlichkeiten, die aus der Lieferung von Hilfsgütern durch Amerikaner und Briten entstanden waren. Ihrer Rückzahlung war auf Druck der klammen Briten absolute Priorität gegenüber den Vorkriegsschulden eingeräumt worden. Es ging für damalige Verhältnisse um gewaltige Summen: Die deutschen Nachkriegsschulden gegenüber den USA beliefen sich auf 3,2 Milliarden Dollar, die gegenüber den Briten auf immerhin 202 Millionen Pfund. Nach langem Beharren akzeptierte die US-Regierung einen Verzicht auf rund zwei Drittel ihrer Nachkriegsforderungen, die Briten auf ein Viertel.

Nun war der Weg frei, um auch über die deutschen Vorkriegsschulden zu verhandeln. Das geschah im Rahmen einer großen Konferenz zwischen Vertretern der deutschen Schuldner und der internationalen Gläubiger in den Jahren 1952/53 in London. Die noch unter Besatzungsrecht stehende Bundesrepublik war erst zu einem relativ späten Zeitpunkt in die Vorbereitungen dieser Schuldenkonferenz einbezogen worden.

Bundeskanzler Konrad Adenauer ernannte den international erfahrenen Bankier Hermann J. Abs zum Leiter der deutschen Delegation. Dessen Linie lautete: Die Bundesrepublik solle die Sache mit ihren Schulden sehr schnell regeln, damit Deutschland wieder kreditfähig würde. Das erste deutsche Angebot sah eine jährliche Zahlung von 500 Millionen D-Mark für Zins und Tilgung sämtlicher Schulden vor. Das wurde mit den deutschen Gebietsverlusten im Osten und mit der allgemeinen Verarmung durch den Krieg begründet. Alle rückständigen Zinsen sollten ersatzlos gestrichen und die laufenden Zinsen erheblich reduziert werden. Die Gläubiger waren fassungslos. Die Verhandlungen drohten zu scheitern.

Doch Abs ließ nicht locker. Für den Pragmatiker war die absolute Höhe der Schulden weniger entscheidend als die aktuelle Belastung durch den laufenden Schuldendienst. Es gelang ihm in relativ kurzer Zeit, mit den wichtigen Gläubigern der großen Reichsanleihen zu einer Lösung zu kommen. Die laufenden Zinsen wurden moderat gesenkt. Bei den Industrieanleihen verzichteten die Gläubiger auf ein Drittel der rückständigen Zinsen. Die Laufzeiten wurden auf höchstens 25 Jahre begrenzt. Die Tilgung setzte nach fünf Jahren ein. Die deutschen Belastungen beliefen sich nun auf 750 Millionen Mark pro Jahr. Dies war eine deutliche Mehrbelastung für den Bundeshaushalt, die neben anderen großen Belastungen (zum Beispiel Wiedergutmachungszahlungen) stand.

Damals war die deutsche Presse äußerst kritisch gegenüber dem Abtragen von Schulden. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung sprach von einem Sieg der Auslandsgläubiger, andere Zeitungen bemühten Vergleiche mit Versailles.

Nicht nur in Deutschland, auch in den USA gestaltete sich die Mehrheitsfindung für das Vertragswerk als schwierig. Senator Gilette aus Iowa hielt es für nicht hinnehmbar, dass die USA zulasten des Steuerzahlers auf die Rückzahlung von zwei Milliarden Dollar verzichteten. Die Bedienung der Vorkriegsschulden komme nur den Banken und institutionellen Anlegern – also den Spekulanten – zugute. Das sei völlig untragbar.