Eben erst ist seine jüngste Tochter Anna geboren, und um den nun sechsfachen beglückten Vater herum wimmelt es im Freudschen Haushalt nur so von Menschen. In diesen aufregenden Dezembertagen des Jahres 1895 dankt Sigmund Freud seinem Freund Wilhelm Fließ schriftlich für einen Brief: Der habe ihn Einsamkeit und Entbehrung endlich vergessen lassen. Das also darf man sich vorstellen: Mitten im Gewimmel ist dieser Freud einsam.

Viele Jahre später, inzwischen ist er wohlhabend und anerkannt, schreibt Sigmund Freud an seine erwachsenen Kinder Hunderte von Briefen, die man jetzt erstmals in einer ausgezeichneten Ausgabe lesen kann, die Michael Schröter für den Aufbau Verlag besorgt hat. Unterdeß halten wir zusammen: Schon ihr Titel verspricht gegenwärtigen Lesern einen familiären Halt, während die Geburtenzahlen rückgängig sind, im Alltag mit neuen Vaterbildern experimentiert und der sexuelle Missbrauch als furchtbar üblich erkannt wird. Die Verbindlichkeit des Patriarchen, der seinem Nachwuchs verantwortungsvoll und bei aller Skepsis mit Respekt gegenübertritt wie der Freud dieser Briefe, wär das nicht ein Leitbild? Ein Vater!

Aber wie darf man sich diesen stoischen Freud in jüngeren Jahren als leibhaftigen Vater vorstellen, der gleichzeitig zum rastlos forschenden Gründervater der Psychoanalyse wird? Könnte er da nicht, zur nervösen Jahrhundertwende, einer der abendlich prügelnden Neurotiker gewesen sein, der auf Nachwuchs besser verzichtet hätte – oder kam er doch dem ewigen Idealbild des gütigen, weisen Vaters im Kaiserreich nahe, dem zuletzt Michael Hanekes Film Das weiße Band mit seinen sadistischen Vaterfiguren eine kalte Absage erteilt hat?

Wien in den 1890er Jahren: Die umwälzend neue Erforschung des Menschen entsteht, ganz wie Freuds leibliche Kinder, im schier pausenlosen Gewimmel von Menschen. Der Freudsche Haushalt im ersten Stockwerk der Wiener Berggasse 19, in der die Familie seit 1891 und bis zur Emigration 1938 wohnt, besteht damals aus sechs kleinen Kindern, Freuds nun 34-jähriger Ehefrau Martha, deren Schwester Minna, der Köchin, dem Dienstmädchen, zwei Kindermädchen, außerdem zahlreichem Besuch. Und aus Freud selbst, bald 40 Jahre alt, der im Geiste oft bei seinem engsten Gefährten weilt, Wilhelm Fließ, dem Berliner Hals-Nasen-Ohren-Arzt, der zwischen 1887 und 1904 über 17 Jahre hinweg Freud am nächsten steht, obwohl er Hunderte von Kilometern entfernt ist.

Einsam war Freud in Wien aufgrund seiner Forschung, die in jenen Jahren einer Erkundung des Leids in der Kindheit gleicht und die er in ihren ungemütlichen Details keinem außer Fließ eröffnen wollte. Die wissenschaftliche Welt der Medizin war in seinen Augen zu konservativ, zu christlich-moralisch, zu feige, um sich in das Neuland der menschlichen Seele zu trauen. Die eigene Frau, Tochter einer angesehenen, aber verarmten jüdischen Gelehrten-Familie, die Freud nicht zuletzt wegen ihrer klassischen Fraueneigenschaften geliebt hat, kam für solche Themen als Gesprächspartnerin nicht infrage.

So entwickelte Freud seine Theorie in einer Art mehrfacher Vaterschaft in vielen Hundert Briefen, während gleichzeitig ein leibliches Kind nach dem nächsten zur Welt kam: sechs in acht Jahren, Mathilde 1887 zuerst, dann 1889 Martin, 1891 und 1892 die Söhne Oliver und Ernst, im Jahr darauf Sophie und schließlich 1895 Anna. In diesen Briefen an Fließ steht das meiste von dem, was man über den Gründungsvater der Psychoanalyse als jungen Familienvater weiß. Freuds ältester Sohn Martin empfahl in seinem Buch über den eigenen Vater, Man and Father von 1958: Wer erfahren wolle, was eine glückliche Kindheit sei, der solle diese Briefe lesen.

Es sind vor allem knappe Aperçus, in denen der Vater sich mitteilt, bar jeder Sentimentalität. Der beobachtungskluge Arzt Freud ist von der Gleichzeitigkeit so vieler individueller Entwicklungen fasziniert: "Anna hat heute beschwerdefrei den ersten Zahn produziert, Mathilde geht es unvergleichlich besser, seitdem sie aus der Schule genommen ist. Oliver hat unlängst auf einem Frühlingsausflug ernsthaft gefragt, warum der Kuckuck immer seinen eigenen Namen ruft…" So lauten die Mitteilungen, die in den Briefen an den noch kinderlosen Fließ unvermittelt neben den Forschungsfragen stehen, zumeist zum Abschluss des Briefs, zum guten, beruhigenden Ende gewissermaßen.