Kurz vor seinem Tod hält Johann von Leers Rückschau auf sein Leben. Er resümiert die religiösen Erkenntnisse, zu denen er gelangt ist. Er legt dar, dass der Islam "der einzige Retter der Menschheit" sei. Das Christentum hingegen "ist auf dem Wege der Fäulnis, und das Schicksal seiner Kirchen ist die moralische Zersetzung, so daß sie Eidgenossen des internationalen Zionismus und Mittel israelischer Propaganda werden".

Ein fanatischer Antisemit und NS-Propagandist, der zum Islam konvertierte: Dieser ungewöhnliche Werdegang sorgte dafür, dass Leers’ Name immer wieder fällt, wenn es um die Verbindungen zwischen nationalsozialistischem und islamistischem Antisemitismus geht oder wenn die islamistische Gefahr als neuer Faschismus beschrieben wird. Doch wenn seine religiösen Überzeugungen ihn auch nach dem Krieg zum Exoten der ehemaligen NS-Elite werden ließen, so hatten sie ihre Wurzeln doch in dem Milieu, aus dem ein großer Teil der Funktionsträger des "Dritten Reichs" rekrutiert worden war.

Geboren 1902, gehörte er der sogenannten Kriegskinder-Generation an, die während des Ersten Weltkriegs an der Heimatfront auf den Kampf eingeschworen wurde. Dem heiß herbeigesehnten Fronteinsatz kamen jedoch Waffenstillstand und Novemberrevolution zuvor.

Die Republik lehnten diese jungen Männer ab. Stattdessen schlossen sie sich den zahlreichen völkischen Bünden und Freikorps an. Hier propagierte man ein allen Deutschen gemeinsames "Volkstum", das die Klassenunterschiede überwinden würde. Ziel war die "Volksgemeinschaft", aufgebaut nach dem "Führerprinzip". Nicht "Parteienzwist", wie man die demokratischen Aushandlungsprozesse der Weimarer Republik denunzierte, sondern "Führerpersönlichkeiten" mit "Charisma" sollten über das "Schicksal der Deutschen" entscheiden.

Die Deutschen müssen zurückkehren zum Glauben der Germanen

Leers, Sohn adliger Gutsbesitzer in Mecklenburg, hatte soeben sein Studium in Kiel begonnen, da geriet auch er in den Sog der völkischen Gruppierungen. Im März 1921 kam es in Oberschlesien zu Kämpfen zwischen Teilen der polnischen und der deutschen Bevölkerung – für Leers eine Gelegenheit, den Fronteinsatz gleichsam nachzuholen. Wie viele seiner Studienkollegen schloss er sich einem Freikorps an und beteiligte sich an den Kämpfen.

Die dabei geknüpften Kontakte scheint er auch nach Fortsetzung des Studiums in Berlin und Rostock gepflegt zu haben. Als nämlich 1923 ein Großteil der ehemaligen Mitglieder der Organisation Consul, die ebenfalls in die Kämpfe verwickelt gewesen war und 1922 den Mord an Außenminister Walther Rathenau organisiert hatte, in den Bund Wiking überführt wurde, trat Leers diesem Freikorps bei. In seiner neuen politischen Heimat wurde nicht nur darüber nachgedacht, wie sich die verhasste Republik beseitigen ließe, sondern auch darüber, wie die deutsche Volksgemeinschaft von der vermeintlichen Wurzel allen Übels, den Juden, befreit werden könne.

Bald schon wechselte Leers vom Bund Wiking zum "Jugendbund der Adler und Falken". Stand beim Freikorps der bewaffnete Kampf im Vordergrund, so war der seit 1920 bestehende Jugendbund in erster Linie auf Kulturarbeit ausgerichtet. Seine Mitglieder wollten die Deutschen sowohl in kultureller als auch in rassenbiologischer Hinsicht von allen "artfremden" Einflüssen befreien und die "nordische Kultur" einschließlich der germanischen Religion wiederbeleben. Davon erhofften sie sich die "Erneuerung des deutschen Menschen".