An der Energieverschwendung sind die Männer schuld, findet Johannes Hengstenberg. "Sehen Sie?", sagt er und blickt auf das Podium im Konferenzsaal: "Nur Männer!" Er sitzt im Publikum der Berliner Energietage, das Thema der Diskussionsrunde: Welche Energieversorgung brauchen wir 2050? "Männer reden immer nur von der Zukunft", sagt Johannes Hengstenberg. "Aber nie spricht jemand vom Sparen." Frauen seien praktischer, sagt er, die überlegten, was sie selbst tun könnten. Wenn es um Energie ginge, sei er gern unmännlich.

Hengstenberg entwirft keine Zukunftsszenarien. Er spart einfach Energie – 4,5 Millionen Tonnen Kohlendioxid (CO₂) hat er der Erdatmosphäre so bereits erspart. Auf der Website www.co2online.de kann jeder mitverfolgen, wie erfolgreich Hengstenberg ist. Ein Zähler auf der Seite zeigt das eingesparte CO2 an, jede Sekunde schnellt er weiter nach oben. Hengstenberg und seine 50 Mitarbeiter sind Online-Energieberater. Rund 6000 Menschen lassen jede Woche im Internet die Energiebilanz ihres Hauses oder ihrer Wohnung berechnen. Sie tippen die Daten der Heizrechnung ein, das Baujahr des Gebäudes, den Heizungstyp und die Stromkosten – dann erhalten sie Spartipps.

Für sein Engagement erhielt Johannes Hengstenberg im vergangenen Jahr das Bundesverdienstkreuz. "Da bin ich in Nachdenklichkeit versunken. Ich wurde in den sechziger Jahren politisch sozialisiert und war nicht gerade ein Freund des Staates." Mit Anfang 20 protestierte er gegen die Notstandsgesetze. Heute ist er 65 und hat sich mit der Regierung versöhnt: Das Bundesumweltministerium finanziert seine gemeinnützige Energieberatung mit 1,5 Millionen Euro im Jahr.

Die Nutzer können sich einmalig beraten lassen oder dauerhaft das sogenannte Energiesparkonto führen, eine Art "elektronisches Haushaltsbuch". Johannes Hengstenberg besitzt selbst solch ein Konto, das seine Stromsünden aufspürt. Er zeigt auf einen besonders hohen Balken: "Da hat sich meine Frau eine Heizdecke zugelegt."

Johannes Hengstenberg pendelt jede Woche mit dem Zug von München nach Berlin, wo das Büro von co2online ist. Am Bildschirm in seinem Berliner Büro sieht er, wenn einer seiner Söhne 600 Kilometer entfernt Kaffee kocht. Die Hengstenbergs überwachen ihren Energieverbrauch mit Funk-Steckdosen, die den Verbrauch direkt an das Onlineportal übermitteln. Über die Seite können sie sogar die Steckdosen aus der Ferne steuern. Mit einem Klick stellt Johannes Hengstenberg seinem Sohn die Kaffeemaschine ab. "Der denkt sich jetzt: Was macht der Alte schon wieder?", sagt er und lacht.

Über Funk-Thermostate programmieren die Hengstenbergs auch ihre Heizung. "Wenn man immer sieht, wie viel man verbraucht, stachelt das den Ehrgeiz an", sagt Hengstenberg. Rund 30 Prozent weniger Energie als die Nachbarn verbraucht seine Familie. Nutzer, die keine Funk-Steckdosen und keine Funk-Thermostate haben, können ihren Verbrauch aber auch in das Programm eintippen und so ihr Konto führen. Insgesamt hat co2online bereits drei Millionen Menschen beraten.

Hengstenberg musste fast 60 werden, um zum ersten Mal in seinem Leben mit einem Projekt dauerhaft erfolgreich zu sein. Einst hat er Volkswirtschaft in München studiert und seine Sommer in der Hippie-Kommune Mátala auf Kreta verbracht. In den sechziger Jahren lebte er eine Zeit lang bei der anarchopazifistischen Theatergruppe Living Theatre. Wenn die Schauspieler zu bekifft waren, um aufzustehen, war er es, der einkaufen ging. Das habe ihn dann dafür qualifiziert, das Münchner Theaterfestival zu leiten, sagt er.