Gibt es ein Wort, das Lailas mäandernden Kurs zwischen den Weltreligionen beschreiben kann? Dieses traumwandlerische Daheimsein in zwei unterschiedlichen Offenbarungen Gottes, die für Laila mit jedem Tag mehr zu einer einzigen verschmelzen. Vielleicht den Begriff "transdifferent" – im Sinne von: die Verschiedenheit wie selbstverständlich überbrückend. Ein solches Wortungetüm muss wohl benutzen, wer von einem Kind wie der 13-jährigen Deutschafghanin Laila erzählen will – deren Leben sich entfaltet in der sorglosen Melange aus Christentum und Islam.

Man könnte Laila also als transdifferente Muslimin bezeichnen. Ihre Eltern glauben an Allah, essen kein Schweinefleisch und trinken keinen Alkohol. Der Vater liest im Koran, die Mutter geht in die Moschee. Beide schwärmen bei grünem Tee und süßem Gebäck von ihrer Kultur, von ihrer Religion, ohne müde zu werden. Die Tochter haben sie aber nicht auf die nahe gelegene Gesamtschule geschickt, auf die Lailas Glaubensbrüder und -schwestern aus der ganzen Gegend gehen, und auch eine Koranschule hat Laila noch nie besucht. Nein, Sohra und Abdul C. haben ihr Kind auf einem kirchlichen Gymnasium eingeschult, in dem für die Schüler christlicher Religionsunterricht Pflicht ist – ebenso wie der Gottesdienst, der monatlich in der schuleigenen Kirche gefeiert wird.

Gleich in der ersten Weihnachtsmesse gehörte Laila zu jenen Kindern, die mit Kerzen durch die dicht gedrängte Gemeinde gingen und jedem Einzelnen ein Licht anzündeten. Und neulich, als Lailas Klasse den Gottesdienst für die Mittelstufe zu gestalten hatte, saß sie im Bibliodrama mit den anderen Jüngern im Boot, als Jesus übers Wasser wandelte. Sie hatte den Text: "Da kommt Jesus! Er geht auf dem Wasser!" Ihr Klassenkamerad, der den Petrus darstellte, stieg aus und versuchte, Jesus auf imaginären Wellen entgegenzuschreiten, und an der Stelle, wo er zu sinken beginnt, hatte Laila ihren zweiten Einsatz: "Petrus geht unter, wir müssen ihn retten!"

Laila weiß, dass Ostern das Fest der Auferstehtung ist, sie kennt die vier Evangelien und die Psalmen des Alten Testaments. Ihre biblischen Lieblingsgeschichten handeln vom barmherzigen Samariter und vom verlorenen Sohn. Aber an den Wochenenden geht sie mit der Mutter in die Moschee, wo die beiden auf andere Einwanderer aus der Türkei, Ägypten und arabischen Ländern treffen und auch auf deutsche Konvertiten. Dann wird gemeinsam gekocht, gegessen, geredet – eine Zusammenkunft, die weniger religiöse als soziale Zwecke erfüllt. Wovon der Koran handelt, das erfährt Laila ausschließlich von den Eltern, in deren Regal steht das Heilige Buch in arabischer und deutscher Fassung: innige Texte von höchster Poesie. Damit kann die 13-Jährige noch nicht viel anfangen. Vielleicht sagt sie deshalb, das Christentum mit seinen farbigen Geschichten sei ihr derzeit näher, "aber der Islam ist mein Zuhause".

Einmal pro Woche schlingt sich Laila ein purpurnes Tuch um den Kopf und wandert in eine andere Moschee. Dort bringen ehrenamtliche Lehrerinnen afghanischen Kindern die persische Schrift bei. Der Unterricht findet in Lailas Muttersprache statt, auf Dari, das ist Altpersisch. Die 400-Quadratmeter-Fläche des Gotteshauses ist mit Orientteppichen ausgelegt. Am Rand kauern verschleierte Frauen, betend, die Stirnen auf dem Boden. Über den Raum verstreut hocken kleine Grüppchen von Kindern und Frauen im Schneidersitz um ihre Lehrerinnen geschart. Manche studieren Persisch, die meisten den Koran. Der Raum ist erfüllt von Gemurmel. Lailas Lehrerin ist hübsch unter ihrem schwarzen Kopftuch. Während sie verschnörkelte persische Schriftzeichen an die Tafel malt, kaut sie Kaugummi.

Allerdings ist es in letzter Zeit immer wieder vorgekommen, dass eine der Koranlehrerinnen unerwartet den Unterricht der Mädchen gestört und laut gerufen hat, jetzt sei Gebetszeit. Sie hat die Kinder genötigt, sich hinzuknien und ihr arabische Verse aus dem Koran nachzusprechen. Als Lailas Vater davon erfuhr, wurde er wütend und hat die Mutter dazu angehalten, Laila künftig erst zum Unterricht zu bringen, wenn die Gebetszeit vorüber ist.

In der muslimischen Familie C. ist das Beten in der christlichen Kirche also geduldet, das Beten in der islamischen Moschee dagegen unerwünscht – wie kann das sein? Wer die Eheleute auf dieses Paradox anspricht, bekommt es mit ihrem tiefen Misstrauen gegen die eigenen Glaubensbrüder zu tun. Dieses Misstrauen fängt damit an, dass die C.s ihren Namen nicht in der ZEIT veröffentlicht sehen wollen. In einer Zeit, in der Karikaturisten wegen antiislamistischer Zeichnungen mit dem Tode bedroht werden, befürchten sie Angriffe aus der eigenen Gemeinde, wenn ihre liberale Haltung in Glaubensfragen publik wird. Auch ihre Gesichter zeigen sie dem Fotografen nicht: "Es gibt zu viele religiöse Eiferer." Nicht einmal Lailas Schule soll bekannt werden.