Es ist die erste gute Nachricht nach zahlreichen Rückschlägen: Mehr als einen Monat nach der verheerenden Explosion auf der Bohrinsel Deepwater Horizon konnte das Ölleck am Donnerstag nach Angaben der US-Küstenwache zumindest zeitweise gestopft werden. Eine Erfolgsmeldung sei das aber noch nicht, sagte der Einsatzleiter der US-Regierung, Admiral Thad Allen.

Bei dem "Top Kill" genannten Verfahren werden pro Minute tausende Liter Schlamm durch das Sicherheitsventil ("Blowout Preventer"), das auf dem Bohrloch sitzt, dem Ölstrom entgegen gepumpt. Der Austritt von Öl und Gas war dadurch für kurze Zeit unterbrochen worden. Ist die Aktion dauerhaft erfolgreich, soll die Quelle mit Zement versiegelt werden.

Nach zwei Versuchen, das Öl abzuleiten, war die Aktion vom Donnerstag der dritte Anlauf, die sprudelnde Quelle auf dem Meeresgrund zu stopfen. Lange hatte der Chef von British Petrol (BP), in dessen Hand alle technischen Rettungsversuche zusammenlaufen, vor allzu großer Zuversicht gewarnt. Die Erfolgschance läge allenfalls bei 60 Prozent, sagte Tony Hayword am Strand von Louisiana, während um ihn herum Dutzende in weiße und gelbe Schutzanzüge gekleidete Helfer eine schwarzbraune klebrige Masse aus dem Sand schaufelten.

Derweil entfaltet sich im Golf von Mexiko eine der größten Umweltkatastrophen der Menschheitsgeschichte, vielleicht sogar die bislang größte. Sie hat zugleich politische Folgen, deren Ausmaß ebenso unklar ist. 36.700 Tonnen Öl gelangten seit 20. April ins Meer - weit mehr als bislang von BP geschätzt.

In dieser Woche fliegt Präsident US-Barack Obama zum zweiten Mal an den Golf, denn am Küstenstreifen zwischen Texas und Florida steht seine Präsidentschaft auf dem Spiel – und der Kern seiner politischen Botschaft. Er ist ausgezogen, um Amerika zu reformieren, das heißt: um es friedlicher, sozialer und grüner zu machen. Dafür braucht er einen handlungsfähigen Staat – das ist der Kern seiner politischen Philosophie. Einen Staat, der Bedrohungen voraussieht, der sich rechtzeitig darauf vorbereitet und im Notfall sofort alle Ressourcen mobilisiert.

Obamas Vorgänger im Weißen Haus haben den Staat gestutzt, zum Teil verächtlich gemacht. Ronald Reagan sagte, der Staat sei das Problem und nicht die Lösung. George W. Bush degradierte Aufsichtsbehörden dort, wo sie Einfluss auf Wirtschaft und Umwelt nahmen, zu Handlangern der Konzerne oder zu Statisten. Dabei konnte die Ölkatastrophe eigentlich nicht überraschen; Wissenschaftler warnen schon seit Langem, dass die Unterwasserbohrungen unkalkulierbare Risiken bergen würden, für die weder Industrie noch Gemeinwesen gewappnet seien. Es fehlte also an dem vorsorgenden Staat, den der Präsident jetzt stärken will. 

Obama versprach im Wahlkampf Abhilfe. Er wollte die Bürger wieder mit dem Staat versöhnen und die Regierung im prinzipiell staatsskeptischen Amerika als Problemlöser rehabilitieren. Die Ölkatastrophe aber hätte sich vielleicht durch kluge Vorsorge verhindern lassen; aufhalten lässt sie sich kaum noch. Dieses Unglück macht den amerikanischen Staat zum hilflosen Zuschauer. Nicht auf Obama, sondern auf BP kommt es nun an, privat vor Staat – schon wieder. Nicht nur das Vertrauen in die Industrie, sondern auch in die Regierung sei schwer erschüttert, klagte der Präsident daher in seiner Rede vor Universitätsabsolventen in Michigan. Am Golf von Mexiko schwindet es stündlich weiter.

Mit jedem angeschwemmten Ölklumpen, mit jedem im Schlamm verendeten Braunpelikan, mit jedem toten Delfin schwellen die Hilferufe an Obama an. Der Gouverneur von Louisiana klagt, Washington ließe den armen Süden Amerikas wieder einmal im Stich: "Wir brauchen mehr Barrieren gegen das Öl, mehr Ressourcen." Anders als seinerzeit beim Hurrikan Katrina ist die Regierung nicht untätig. Barack Obama hat sofort Minister und Behördenchefs an die Küsten geschickt, Armee und Küstenwache fliegen Tausende von Metern schwimmende Barrieren heran und versprühen Chemikalien zur Auflösung des Öls. Hunderte von Schiffen, unter ihnen schwimmende Labors, kreuzen im Golf. In zwölf Lagezentren wird pausenlos konferiert, über 20.000 Helfer schippen Schlamm und reinigen Vögel und Schildkröten.

Auch in Washington will die Regierung angesichts der Ölkatastrophe das im Kongress stecken gebliebene Klimagesetz vorantreiben, das Amerikas Abhängigkeit vom Öl reduzieren soll. Genehmigungen für Küstenbohrungen werden einstweilen nicht erteilt. Eine Untersuchungskommission überprüft alle Erlaubnisbehörden, ein Aufsichtsamt, das kläglich versagt hat, wurde bereits aufgelöst. Ein tödliches Unglück in einer Kohlemine in West Virginia hat jüngst erst vor Augen geführt, wozu laxe Genehmigungsverfahren und Kontrollen führen. Und nun das Ölleck. "Lass eine Krise nie ungenutzt verstreichen", sagte Obamas Stabschef Rahm Emanuel, als die neue Regierung ins Amt kam. Das müsste heißen, dass auch die Ölkatastrophe eine politische Chance bietet. Kommt jetzt die Umweltwende?

Trotz des Jahrhundertunglücks ist eine Mehrheit noch immer für das offshore drilling und fürchtet finanzielle Einbußen als Folge schärferer Umweltgesetze. Die Katastrophe wird weithin nicht als Versagen eines schwachen und darum reformbedürftigen Staats gedeutet, nicht als Argument für seine Stärkung. Vielmehr ist das Verlangen nach sofortiger Hilfe übermächtig – und ihr Ausbleiben scheint die traditionelle amerikanische Staatsskepsis zu bestätigen.