Als Gustav Mahler am 5. April 1910 in New York auf der Kaiser Wilhelm eincheckt, hat er seit Jahresbeginn gut dreißig Konzerte und vier Opernabende dirigiert, in Europa geht das eine Woche später so weiter: Paris, Rom, Wien. Das Flugverbot, das hundert Jahre danach Europa lahmlegt, hätte ihn kaum beeindruckt. Der heutige Jetset würde unter Mahlers Pensum in die Knie gehen, hat aber auch eine deutlich höhere Lebenserwartung. Die Alarmzeichen stehen in Mahlers Briefen, ehe sein Körper sie zeigt. "Bin ganz überhetzt", "in großer Eile", "in furchtbarster Hetze", so etwas ist da immer wieder zu lesen. Ein Mann am Limit und auf der Höhe des Ruhms, keine fünfzig Jahre alt.

Er hat das so gewollt, und er hat das so geplant. Wie zielstrebig sich Mahler in gerade mal siebzehn Jahren vom Kurkapellmeister zum Wiener Opernchef und Weltstar hocharbeitete und zunehmend auch als Komponist durchsetzte, das ist nun in einem Konzentrat seiner Briefe nachzulesen. Ausschließlich Berufspost hat Franz Willnauer unter dem Titel Verehrter Herr College! ausgewählt und kommentiert, Briefe an Komponisten, Intendanten, Dirigenten. Dass da niemand als "süße Mohnblume" angesprochen wird, lässt sich denken. Selbst das Wort "Du" kommt in keinem einzigen der 237 Briefe vor, die Willnauer aus rund 5000 Schreiben auswählte. Es ist eine harte Nuss, die da zum Vorschein kommt.

Schon mit 19 Jahren beschafft sich Mahler einen Agenten, der ihn über Bad Hall, Olmütz und Laibach als Dirigenten ans Königliche Theater Kassel manövriert. Der 23-Jährige, der sich in seiner Bewerbung zwei Jahre älter macht, erkennt umgehend die Schwächen des ihm vorgesetzten Kapellmeisters und schreibt machthungrig seinem Agenten: "Es ist nicht ganz unmöglich, daß dem genannten Herrn plötzlich etwas unangenehmes passiren könnte." Doch als Mahler ein Gastspiel der Meininger Hofkapelle unter Hans von Bülow erlebt hat, will er nur noch weg. In einem schwärmerischen Brief an Bülow beklagt er das "schale Treiben" in Kassel und fleht: "Nehmen Sie mich mit!"

Er muss bleiben und erwirbt sich den Ruf eines "Verrückten", den Hausregeln und Vorgesetzte kaum beeindrucken, wenn er sie für künstlerisch fragwürdig hält. Von Anfang an ist Mahler kompromisslos, was Präzision und Werktreue angeht. Umso taktischer geht er in Briefen an mögliche Förderer vor ("ich muß nun wol mein eigener Lobredner sein") und knüpft ein weitgespanntes Netz. Wenn er auch nur ahnt, dass irgendwo ein Kapellmeister taumelt, hakt er nach. Und als er nach vielen Querelen aus Kassel wegkommt, hält er sich doch den Intendanten warm; er wird dessen Fürsprache noch brauchen können.

Über Prag landet er am Leipziger Theater und tritt dort sofort in "Rivalismus mit Nikisch". Dem genialen Platzhirsch will er das große Repertoire abjagen, nicht zuletzt den Ring. Das klappt vorübergehend, als Nikisch erkrankt. Über den zweiten Kapellmeister beschwert sich das Gewandhausorchester beim Stadtrat: "Nicht selten verlangt der Herr Unmögliches." Solche Hintergründe erschließt der Herausgeber in so detailreichen wie geschmeidigen Kommentaren, die die mitunter spröden Primärtexte zum Mosaik verbinden und den Rest des Lebens durchschimmern lassen. Auch die Affären, die Mahler in fast jeder Stadt hat und die seinen Feinden stets hochwillkommen sind, um ihn loszuwerden.

Aber mittlerweile fällt er nach oben. Als Operndirektor in Budapest handelt er ein Jahresgehalt von 10000 Gulden aus, was etwa 80000 Euro entspricht – für einen Dirigenten der Kaiserzeit glänzend. Anschließend ist er in Hamburg zwar "nur" erster Kapellmeister, aber in Europa ein Name, mit London verhandelt der 33-Jährige: "Excuse, please, my bad Englisch. It is a pitty – I have all vergotten …" Und er hat einen "Collegen" gefunden, vor dem er sich nicht verstellen muss: "Ich bin nämlich der einzige lebende Dirigent, der sich für meine Compositionen interessiert", gesteht er Richard Strauss. Der Briefwechsel der beiden liegt seit 30 Jahren vor, aber inmitten der übrigen Kollegenpost fällt erst recht auf, mit welch heiterer Sympathie die Antipoden einander begegnen.

"Ihre Lieder", schreibt Strauss ihm 1900 aus Berlin, "habe ich natürlich nur aufgeführt, damit sie mein Ballett desto sicherer annehmen." Vor so riskanter Ironie erschrickt Mahler wie ertappt. Er hat es mittlerweile zum "Gott der südlichen Zonen" gebracht, wie er den Gipfel nennt, den er in einer taktischen Meisterleistung mit 37 Jahren gestürmt hat. Die Korrespondenz im Vorfeld ist halb Tarnung, halb Offensive. An Cosima Wagner schreibt er, er wolle "dem entehrenden Kunsttreiben der großen Städte entrinnen". Einem Förderer aus Budapest zeigt er sich bedürftig: "Ich habe, wie sie wissen, gar keine Verbindungen." Mit dem schwächelnden Wiener Opernchef verhandelt Mahler um eine Kapellmeisterstelle, hinter dessen Rücken um die Direktion selbst.