Einen Eurovision Song Contest gewinnt man nicht mit links. Seitdem sich die Schweizerin Lys Assia 1956 mit Refrain als Erste in die Siegerliste des damals noch als Grand Prix Eurovision de la Chanson geläufigen Wettbewerbs eintrug, sinnieren Experten und Laien darüber, was ein Lied, was ein Sänger mitbringen muss, um mit Lorbeeren bekränzt zu werden. Und je näher die Entscheidung 2010 rückt, desto ängstlicher fragen sich die leidgeprüften Deutschen, ob Lena Meyer-Landrut, unser possierlich-gewitzter "Star für Oslo", die Richtige für einen rauschenden Erfolg ist. Der Journalist Jan Feddersen, einer der besten Kenner der Materie, hat wiederholt darauf hingewiesen, dass der Auftritt selbst, die Tagesform und die Bühnenpräsenz, oft wichtiger waren als die Qualität und Originalität des vorgetragenen Songs. Eine provozierende Siegermentalität, wie sie etwa die Irinnen Linda Martin (Why Me?, 1992) oder Niamh Kavanagh (In Your Eyes, 1993) an den Tag legten, versetzte oft Berge und zwang vermeintliche Favoriten in die Knie.

Dass Niamh Kavanagh 2010 noch einmal für Irland antritt, treibt Grand-Prix-Enthusiasten Tränen der Rührung in die Augen. Denn wo allenthalben Castingsternchen und Instantgruppen auflaufen, sehen es erfahrene Betrachter gern, wenn sich aus der Laienspielschar hier und da eine solide Interpretin erhebt. Die – leider mit unglückseliger Haartracht ausgestattete – Irin zählt zu den "starken Frauen", die die Geschichte des Song Contest seit je prägen. Jacqueline Boyer, Gigliola Cinquetti, France Gall, Sandie Shaw, Vicky Leandros, Céline Dion, Dana International (die wir als Transsexuelle kurz eingemeinden wollen), Carola, Charlotte Nilsson und nicht zuletzt die Teilzeitpazifistin Nicole – sie alle gewannen den Grand Prix und zeigten dem häufig unterbelichteten männlichen Geschlecht, wo die Stimmgabel hängt.

Deutschland übernahm auf der Grand-Prix-Bühne selten einen herausragenden Part. In den sechziger Jahren, als der Muff von tausend Jahren auch in den schweren Abendgarderoben festsaß, nahm sich Ex-Kinderstar Cornelia Froboess in Zwei kleine Italiener zwar auf rührende Weise der aufkommenden Gastarbeiterproblematik an, doch international war damit nur ein sechster Platz zu erobern. Frischer Wind kam in den siebziger Jahren auf, als Deutschland mehrfach knapp den obersten Podestplatz verfehlte. Frühes ökologisches Bewusstsein manifestierte sich in Katja Ebsteins Diese Welt (1971 auf Platz 3), wo vor "Rauch aus tausend Schloten" gewarnt wurde, und wer genau hinhörte, erkannte ein Jahr später, dass Mary Roos’ ebenfalls mit Bronze bedachtes Nur die Liebe lässt uns leben den SPD-Slogan "Mehr Demokratie wagen" ins Schlagerdeutsch übertrug.

Einmal gar, 1975, war Deutschland seiner Zeit voraus und bildete gleichsam die Avantgarde des europäischen Liedguts. Joy Flemings melodiös hoch inspiriertem und textlich so eingängigem Ein Lied kann eine Brücke sein waren die Jurys nicht gewachsen. Erst Jahre später erkannte das Publikum – ein Phänomen, das in anderen Künsten nicht minder geläufig ist –, welch großes Lied das Urgestein Fleming damals zu Gehör gebracht hatte. Nachruhm als Grand-Prix-Evergreen ist ihm sicher.

Den Höhepunkt dieser Entwicklung bildeten die frühen achtziger Jahre. Die immer gut geföhnte Lena Valaitis ließ – was waren wir gerührt! – einen Blinden in Johnny Blue auftreten; Mary Roos zeigte in Aufrecht geh’n, dass der Feminismus sogar Einfluss auf die Bewegungsart der Frauen nahm. Die unschuldige Saarländerin Nicole ließ ihre weiße Gitarre sprechen und gab sich mit Ein bisschen Frieden als zarte Botschafterin des geläuterten Deutschlands. Keinem totalen Pazifismus wurde hier das Wort gesungen; als nützliche Idiotin des Ostens hätte selbst Franz Josef Strauß die blond gelockte Nicole nicht zu titulieren gewagt.