Niemand sollte aus Greifswald abreisen, ohne vorher dieses Museum besucht zu haben, in dem Klassizismus, Mittelalter und Moderne schon architektonisch so wunderbar ineinanderfließen und das in seinen Sälen lauter unterschiedlich schöne Dinge zusammenführt. Im Untergeschoss die landesgeschichtliche Ausstellung, 600 Millionen Jahre auf 500 Quadratmetern – und darüber, in lichten, klaren Sälen des ausgehenden 19. Jahrhunderts, eine überraschend kostbare Gemäldegalerie. Willkommen im Pommerschen Landesmuseum!

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/​Bongarts/​Getty Images

Einst stand hier die Klosterkirche der Franziskaner, dann wurde die ehemalige Greifswalder Stadtschule errichtet, und heute werden in deren Räumen die Gemälde gezeigt. Die Architektur ist purer Klassizismus, denn alles, was von den Bildern ablenken könnte, wurde beim Umbau zum Museum unsichtbar gemacht. Kein Lichtschalter, keine Lüftungseinbauten, kein Hygrometer nirgends. Im Obergeschoss – das Aufsichtspersonal hat sich gerade abgewandt – bestätigt ein kurzer Griff zwischen Wand und Fußboden: Da ist nur Luft, wo sonst Leisten den Stoß von Holz an Mauerwerk kaschieren. Der Fußboden scheint zu schweben. Die Dame von der Aufsicht hat die Prüfung doch bemerkt und erweist sich als profunde Kennerin des Hauses (später stellt sie sich als Leiterin der Gemäldegalerie vor). Das Architekturbüro Sunder-Plassmann sei mit dem Landesbaupreis für diese puristische Gestaltung ausgezeichnet worden; ob man denn schon die verschiedenen Weißtöne der Wände wahrgenommen habe? Nein, hat man nicht.

Und die Kunst? Durchweg alle in der Galerie gezeigten Bilder haben etwas mit Pommern zu tun, wenn auch nicht immer auf vordergründige Weise. So braucht es bei Vincent van Goghs Allee bei Arles schon einige Erläuterungen. Aber wie so oft: Die kleinen Geschichten machen die Bildbetrachtung erst rund. Der pommersche van Gogh hing einst in Stettin, für dessen städtisches Museum er 1911 zum Entsetzen des örtlichen Bildungsbürgertums gekauft worden war.

Kurz vor Kriegsende 1945 gelang es, dieses Bild und viele andere Werke nach Coburg zu bringen, von wo sie später nach Kiel kamen, in den Rantzaubau, um schließlich im Jahr 2000 nach Greifswald umzuziehen.

Der Schwerpunkt der Gemäldeausstellung liegt auf dem 19. Jahrhundert, nicht zuletzt dank Gemälden von Caspar David Friedrich, Carl Gustav Carus und Philipp Otto Runge. Doch bietet die Sammlung vom Barock bis in die Gegenwart noch viele weitere sehenswerte Überraschungen, beispielsweise die Werke von Frans Hals, Max Pechstein, Max Liebermann und Alexej Jawlenski. Letzterer war bis 1933 mit zwei Werken in Stettin vertreten; ein Privatsammler hat dem Pommerschen Landesmuseum nun über zwanzig Gemälde zur Ausstellung überlassen – ein interessanter Kontrapunkt zu den Bildern der romantischen Schule.

Den Abschluss des Rundgangs bildet die Usedomer Künstlerkolonie mit Bildern von Otto Niemeyer-Holstein sowie Otto und Oskar Manigk. Schließlich dankt man der netten Dame für die Führung und beglückwünscht sich selbst zum Besuch dieser lebendigen Sammlung. In einem Museumsgebäude, in dem kein hässliches Detail vom Kunst-Schauen ablenkt.