Einerseits ist es unterhaltsam, wenn mal zwei Vertreter der drögen Ökonomenzunft so richtig aufeinander eindreschen. Andererseits ist es merkwürdig, wenn die Streithähne sich weitgehend einig sind. Der Schlagabtausch, den sich seit ein paar Wochen die linken Volkswirte Heiner Flassbeck (der Chefökonom der UN-Organisation für Welthandel und Entwicklung in Genf) und Rudolf Hickel (der frühere Chef des arbeitnehmernahen Instituts für Arbeit und Wirtschaft in Bremen) liefern, ist jedenfalls ein bisschen absurd. Es geht um Griechenland. Es geht um den Euro.

Leseprobe: Flassbeck hat am 17. Mai einen offenen Brief verschickt, in dem er Hickel nahelegt, "dass Sie sich besser der Stimme enthalten hätten bei einer Frage, die nicht nur wissenschaftlich anspruchsvoll ist, sondern auch eine lange Geschichte hat". Hickel keilte über Pfingsten zurück, dass er "diese Aufforderung zum selbst verhängten Schreibverbot mangels unterstellter Kompetenz" für das Letzte hält. Seine eigenen Sätze beginnt er gerne mal mit Ausdrücken wie: "Es ist mir fast peinlich, Sie darauf hinweisen zu müssen." Zum Tonfall der Auseinandersetzung soll es damit genug sein.

Wie gesagt, die beiden grantelnden Professoren stimmen im Kern ihres Arguments überein. Beide glauben, dass Deutschland große Mitschuld an der Euro-Krise zufällt. Der jahrelange Lohnverzicht deutscher Belegschaften – bei hoher Produktivität und ungebremster Arbeitswut – habe die Griechen chancenlos am Weltmarkt zurückgelassen. Deren eigene Märkte würden nun von günstigen teutonischen Importen überschwemmt, für deren Kauf allerdings Kredit gebraucht werde.

Aus diesem Dilemma, meinen die Professoren, komme man nur raus, wenn auch in Deutschland und in anderen Ländern der Euro-Zone die Löhne schneller stiegen, und wenn die besser Entlohnten künftig mehr einkaufen gingen, vor allem Waren aus Griechenland. Am besten, auch da stimmen Flassbeck und Hickel im Prinzip überein, sollte man diese Anpassung europaweit koordinieren.

Man muss das nicht so sehen. Man kann auch sagen: Das produktive, aber bescheidene Deutschland ist zum Wirtschaftsmotor der ganzen Euro-Zone geworden. Die anderen Länder sollten sich also lieber an den Deutschen orientieren, und wir sollten uns nicht nach unten ziehen lassen, zumal die wahren Gegenspieler China oder USA heißen. Man kann überdies einwenden, dass die griechische Industrie sowieso noch nie sonderlich exportorientiert war, schon gar nicht in Richtung Deutschland.

Flassbeck ("Ich werde noch mal eine Erwiderung schreiben!") und Hickel ("Das bleibt eine erbitterte Kontroverse!") unterstützen beide den EU-Rettungsplan für Griechenland, weil man damit Zeit gewinnen könne. Sie warnen vor überzogenen Sparforderungen an die Griechen, damit die sich nicht zu Tode sparen. Und der Streit – ja, worum geht der Streit? Flassbeck ist zuversichtlich, dass Europa "das Problem auf rationale Weise lösen" kann. Sprich: Wenn die Löhne anderswo in Europa wieder schneller steigen, lassen sich die Ungleichgewichte in der Euro-Zone ausbügeln. Dann geht es Griechenland wieder besser, und die griechischen Schulden werden beglichen. Hickel dagegen findet, dass das so schnell nicht geht. Griechenland müsse umschulden. Und wenn es so weit sei, solle man nicht vergessen, griechische Großgläubiger mit zur Kasse zu bitten.

Der Rest ist eher uninteressant. Da protzt etwa Hickel mit großen Detailkenntnissen zu den historisch-politischen Verhältnissen in Griechenland ("das Osmanische Reich hat bis heute seine Spuren hinterlassen"), und Flassbeck kontert auf Anfrage kühl, dass es "nicht gut ist, sich in den Details des Landes zu verirren". Bei all dem Krach könnte der wichtigste Punkt fast untergehen: Beide Professoren warnen schon seit Jahren vor den wachsenden Ungleichgewichten in der Euro-Zone. Sie haben dies bereits getan, als es (fast) niemand hören wollte. Vielleicht geht es bei diesem Streit, wie so häufig in der akademischen Welt, auch gar nicht darum, wer recht hat. Vielleicht geht es darum, wem eigentlich das Copyright auf die Krisendeutung zufallen soll.