Reich-Ranicki: Wen meinen Sie?

ZEIT: Jemand wie Maxim Biller zum Beispiel.

Reich-Ranicki: Der ist mir sehr fremd. Irgendjemand hat mir gerade geschrieben, Biller habe mich in einem Buch interessant beschrieben.

ZEIT: Er porträtiert Sie in seinem Buch Der gebrauchte Jude als jüdischen Außenseiter und Einzelgänger.

Reich-Ranicki: Mag er das schreiben. Mag er das vermuten. Ich habe damit nichts zu tun. Überhaupt nicht, aber überhaupt nicht. Vergessen Sie bitte nicht, die Juden in der deutschen Literatur haben eine enorme Rolle gespielt. Heine oder Tucholsky. Solche Figuren haben mich interessiert. Oder denken Sie an einen Mann, der mich nicht leiden konnte, den ich nicht leiden konnte: Hans Mayer. Da war vieles enorm.

ZEIT: Sie empfinden sich also selber nicht als Außenseiter?

Reich-Ranicki: Jetzt passen Sie mal auf. Ich bin in Polen in der Ortschaft Włocławek geboren. Mein Vater war ein polnischer Jude, meine Mutter war eine deutsche Jüdin. Meine Eltern beschäftigten sich mehr mit Musik als mit Literatur. Ich habe sehr viel gelesen, von Anfang an. Ich kam nach Deutschland, ich wurde in kurzer Zeit, in sehr kurzer Zeit der beste Deutschschüler. Und natürlich war ich als der glänzende Deutschschüler in der Schule ein Außenseiter.

ZEIT: Wegen des Jüdischen, wegen des Polnischen oder wegen der glänzenden Begabung?

Reich-Ranicki: Wegen allem zusammen. Ich habe als Vierzehnjähriger meine Lehrer verrückt gemacht, wenn ich gesagt habe, das stimmt nicht, das steht nicht im Faust, das steht in der Iphigenie. Es gab in der Schule keinen großen Unterschied zwischen jüdischen und nichtjüdischen Schülern. Aber da war ein einziger Schüler, das war dieser Reich. Er war der einzige, der die deutsche Literatur wie kein anderer kannte. Das war die Sonderrolle. Das war ganz klar.

ZEIT: Haben Ihre Eltern diese besondere Begabung erkannt?

Reich-Ranicki: Meine Mutter hat sie erkannt. Das Erste, was sie mir schenkte, war eine Ausgabe des Wilhelm Tell .

ZEIT: Sie sprechen häufig besonders liebevoll von Ihrer Mutter. In Ihrer Autobiografie Mein Leben bleibt Ihr Vater ganz im Hintergrund, erscheint als Versager. War das so?

Reich-Ranicki: Der Vater war ein gütiger Mensch. Aber Sie haben recht, ein Versager.

ZEIT: Und Sie wollten kein Versager sein.

Reich-Ranicki: Ja, das wollte ich auf keinen Fall sein. Ich hatte nach dem Krieg keinen Beruf. Ich hatte keine Arbeit.

ZEIT: Da hat Sie die Literatur gerettet.

Reich-Ranicki: Nein, sie hat mich nicht gerettet. Es war überhaupt nicht klar, was ich machen sollte. In Warschau war ich ein vollkommener Außenseiter. Es war klar: Ich habe in Polen nichts zu suchen. Ich musste aus Polen raus. Ich bin allein hierhergekommen. Meine Frau und unser Sohn waren noch in England. Ich bin mit einem Wörterbuch hierhergekommen, mit einem deutsch-polnischen Wörterbuch in zwei Bänden. Es steht hier, ich kann es Ihnen zeigen. Es ist das beste und älteste deutsch-polnische Wörterbuch, aus dem Jahr 1905. Die große Frage war, wovon werde ich leben? Die Hoffnung war, ich werde leben, weil ich die Wörterbücher habe. – Warum lachen Sie? Ich habe diese beiden Wörterbücher hier stehen. Ich habe sie nicht einen Augenblick verwendet. Sie lagen immer da, und sie liegen da bis heute.

ZEIT: Ihre ersten Artikel in Deutschland haben Sie dann für die Welt geschrieben.