Kochkunst und bildende Kunst haben nicht nur ein Wort gemeinsam. Beide haben auch die gleiche Sorte Anhänger, die ihr Lieblingsthema von immer neuen Seiten betrachten und kommentieren. Sie wissen alles über die aktuellen Köche/Maler, und wenn sie diskutieren, geht es nur um Wesentliches, zum Beispiel: Wer malt/kocht wirklich originell, wer gehört zur Avantgarde, und wer ist nur Mitläufer? In beiden Lagern werden die Kunstfreunde nervös, wenn sich über einen längeren Zeitraum nichts bewegt. Was, immer noch die verrückten Köche aus Spanien an der Spitze? Oder: Wieso erzielte Giacometti einen Rekordpreis? Dass Tim Raue seinen chinesischen Tempel im Hotel Adlon Ende Juni schon wieder verlässt und von August an etwas Neues machen will, ist ebenso Dauerthema auf den Vernissagen, wie Neo Rauchs Anhänglichkeit an Leipzig bei jedem Businesslunch heiß diskutiert wird.

Alle Restaurantkritiken und Kolumnen von Wolfram Siebeck im Überblick © Britta Pedersen/​dpa

Wenn man bloß wüsste, was all das zu bedeuten hat! Bei Berlins Wunderkoch Tim Raue lässt der neuerliche Umzug auf ein umtriebiges Temperament schließen, waren doch auch seine früheren Stationen alle nur von kurzer Dauer. Erstaunlich an diesem Küchenchef ist nicht nur der häufige Wechsel der Adresse; ungewöhnlich ist auch der mit jeder Veränderung eintretende Wechsel seines Stils. Vom sanften Modernismus der Haute Cuisine im Kreuzberger e.t.a. hoffmann über die neue Sachlichkeit im coolen swissôtel am Kurfürstendamm bis zur raffinierten Interpretation der chinesischen Küche unter dem Dach des Adlon im MA. Eine Steigerung des Raffinements lässt sich nur vorstellen, wenn Raue neuen Ruhm bei der Auseinandersetzung mit Japans Kunstküche (Kaiseki Ryori) suchte.

Den Verlockungen der deutschen Regionalküche wird ein so anspruchsvoller Küchenchef wie Tim Raue wohl kaum nachgeben. Allein dass hartnäckige Traditionalisten an eine generelle Rückbesinnung glauben, muss den Kunstfreund nachdenklich stimmen. Könnte es sein, fragt er sich, dass der vertraute Geschmack einer Bratwurst von der Mehrheit höher bewertet wird als der Austernpudding eines Avantgardisten?

Was Tim Raue angeht, so besteht diese Gefahr nicht. Er wird, wie zu hören ist, demnächst seine Version der chinesischen Kunstküche in einem eigenen Restaurant in Berlin-Kreuzberg fortführen. Damit seine Stammgäste das gewohnte Raffinement nicht entbehren müssen, wird er seine komplette Mannschaft vom MA mitnehmen (was die Frage aufwirft, warum die mit dem Adlon zusammenhängende Gastronomie partout nicht reüssiert).

Die Kunstfreunde können aufatmen: Solange dieser kreativste der Berliner Köche sich nicht von seinen Financiers und populistischen Thesen beeinflussen lässt, hat die Berliner Gastronomie von konservativen Essern und der deutschen Plumpsküche wenig zu fürchten.

RESTAURANT MA im HOTEL ADLON
Unter den Linden 77, 10117 Berlin
Telefon 030/301117333