Welchen Statusgewinn ein ganz gewöhnliches Auto vor vielen Jahrzehnten für seinen Besitzer bedeutet haben muss, erkennt man an seinem Einfluss auf die Kleidung des Fahrers. Es gab Cabriokappen und -jacken, Autofahrerhandschuhe und sogar eine Autofahrerhose, die durch das Öffnen zweier Reißverschlüsse mehr Beinfreiheit ermöglichte. Wer sich ins Auto setzte, war sich voll bewusst, dass er damit Teil eines anderen Universums wurde, und er wollte das auch seiner Umwelt zeigen.

Wer sich damals ein Auto leisten konnte, der wollte, dass man das auch sah, selbst wenn er gerade nicht darin saß. Das schönste Beispiel ist die Cabriokleidung der Frau. Große Sonnenbrille, eng gebundenes Kopftuch, Cabrioschal. Es ging dabei nicht nur ums Auto, es ging um ein Lebensgefühl.

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Mobilität wirkt heute nicht mehr stilprägend, denn das Reisen an sich ist kein Gesellschaftsereignis mehr. Man möchte lieber den Anschein erwecken, als sei man auf dem Sportplatz (Sportswear) oder in der freien Natur beheimatet (Outdoor-Kleidung).

Vorbei die Zeit der eleganten Damen im Salonwagen des Orientexpress. Dass jedes große Modehaus eine "Cruise Collection" herausgibt, hat nichts mehr mit Kreuzfahrten zu tun. Und der Jetset, der stets darauf achtete, im Flieger so gut auszusehen, als gehe man in die Oper, ist abgelöst worden durch den Easyjet-Set, der eigentlich auf gar nichts mehr achtet.

Nur weil es nicht mehr als erstrebenswert gilt, sich möglichst lange in unbequemen Transportmitteln aufzuhalten, bedeutet das noch lange nicht, dass die dazugehörenden Kleidungsstücke nicht mehr getragen würden. Glücklicherweise hat Mode die Fähigkeit, sich von den Gegebenheiten zu lösen, aus denen sie entstanden ist. So gibt es heute die schönsten Pilotenjacken, obgleich kaum jemand mehr im Cockpit einer Propellermaschine sitzt. Der Marinestil ist überall verbreitet, außer an Bord von Schiffen. Also dürfen wir uns diesen Sommer darüber freuen, dass der Cabrioschal für die Frau ebenso wie die Cabriojacke für den Mann wiederaufgetaucht ist. Endlich kann man diese Kleidungsstücke tragen, ohne die Luft mit Abgasen zu schwängern. Der einzige Nachteil: Es bleibt einem selbst überlassen, reichlich Wind zu machen.