Sie sitzen da, als würden sie einander nicht kennen. Zwei Dutzend Rothemden, untergetauchte Protestteilnehmer, die die thailändische Regierung jetzt Terroristen nennt, sitzen bei Mister Donut, einem amerikanischen Fast-Food-Café, in der ersten Etage eines großen Einkaufszentrums im Bangkoker Mittelklasse-Stadtteil Ladprao. Die Rothemden dürften wegen des Ausnahmezustands in Bangkok, der Treffen von mehr als fünf Menschen verbietet, eigentlich gar nicht zusammen sein. Deshalb haben sie sich wie normale Gäste an die Café-Tische gesetzt, Rücken an Rücken, ohne sich anzuschauen und antworten auf die Frage, warum sie eigentlich in den letzten zwei Monaten gegen die thailändische Regierung demonstriert haben, bis ihr Protest am vergangenen Mittwoch von der Armee niedergeschlagen wurde. Für den Ex-Premier Thaksin Shinawatra, der 2006 vom Militär aus dem Amt geputscht wurde und als dessen Anhänger die Rothemden gelten? Oder für die Demokratie?

Da steht ein älterer Mann aus der Gruppe auf, ein Lehrer. Er trägt ein einfaches kariertes Hemd und graue Stoffhosen. "Diese Frage soll nicht einer, wir alle wollen sie beantworten", sagt er und stellt die Sache zur Abstimmung. Die Rothemden erheben sich von ihren Tischen: ein dicker Busfahrer, ein Reiseführer mit seiner jungen Frau im Minirock, eine ehemalige Ministerialbeamtin mit goldenen Ohrringen, eine Hausfrau, ein Rentner, eine Studentin – alle nacheinander, alle sehr korrekt gekleidet: das ganz normale Mittelschichts-Bangkok. Sie stehen auf und heben ihre Hände für die Demokratie, nicht für Thaksin. Richtig feierlich wirkt das. Sie möchten zeigen, dass ihre Regierung unrecht hat, wenn sie behauptet, die Rothemden seien gewalttätig und vom Populisten Thaksin manipuliert. Doch hätte ein Polizist bei der Abstimmung im Mister Donut zugeschaut: Er hätte sie alle wegen Verstoßes gegen das Versammlungsverbot einsperren müssen.

Die politische Systemkrise ist jetzt unsichtbar. Die U-Bahn in Bangkok fährt wieder. Die Straßen sind aufgeräumt. Die schnell wiedereröffnete Börse, die Demonstranten nach Armeeberichten in Brand gesteckt haben sollen, hatte in Wirklichkeit nur ein paar eingeschlagene Fenster im ersten Stock des himmelhohen Gebäudes. Längst ist absehbar, dass im schicken Bangkoker Finanzzentrum, das mehrere Hunderttausend Demonstranten der Rothemden bis zur blutigen Niederschlagung ihrer Proteste über zwei Monate besetzt hielten, bald wieder glitzernde Normalität herrschen wird. Schon spricht Premierminister Abhisit Vejjajiva von Versöhnung und Harmonie, pflichtet ihm der deutsche Botschafter in Bangkok bei, dass Armee und Regierung "auf Menschenleben wirklich Rücksicht genommen haben". Tatsächlich gibt es wenig Zweifel, dass die Soldaten mit scharfer Munition auf unbewaffnete Demonstranten schossen. Mehrere westliche Journalisten, die den Militäreinsatz vergangene Woche beobachteten, waren dafür Augenzeugen, der Tod des italienischen Fotografen Fabio Polenghi ist ein furchtbarer Beleg dafür.

Eine alte Frau aus einer nahen Slumhütte mit vielen Königsbildern, die an den Protesten teilnahm, berichtet detailliert, wie sie Soldaten auf eine S-Bahn-Brücke klettern sah, von der sie in die Mitte der in einem Tempel Schutz suchenden Demonstranten schossen. Vor ihren Augen starben nach ihren Angaben sechs Menschen. Offiziell zählten die Behörden bei den Protesten seit dem 10. März 85 Tote – 74 Demonstranten und elf Sicherheitskräfte. Womöglich ist die Zahl der Opfer bedeutend höher. Man weiß wenig über sie. In den überwiegend zensierten Medien werden sie nicht erwähnt. Auch Atavit Suwannapakdee, Sprecher der Demokratischen Partei, die Thailand seit 60 Jahren mit nur wenigen Unterbrechungen regiert, will über ihre Identität keine Einzelheiten bekannt machen.

Atavit ist 32 Jahre jung, Absolvent der Boston Law School, jüngstes Parlamentsmitglied der Stadt Bangkok. Auf der Brust trägt er eine Auszeichnung des Königs. Er kommt gerade aus einer Sitzung mit Premierminister Abhisit im Notstandszentrum der Armee. Die Regierung habe entschieden, einen internationalen Haftbefehl gegen Ex-Premier Thaksin einzufordern, berichtet Atavit. Wenig später gibt ein Gericht dem Antrag statt. Thaksin sei der Drahtzieher der Unruhen. "Ich glaube nicht, dass Soldaten auf unschuldige Leute geschossen haben", sagt Atavit. Für ihn sind die Verantwortlichen von Thaksin bestellte Heckenschützen. Video-Beweise werde die Regierung nachliefern.

Atavit zweifelt nicht an der Rechtmäßigkeit des Militäreinsatzes: "Wir konnten Bangkok nicht länger dem Chaos überlassen." Aber er räumt ein, dass ein noch größeres Blutvergießen vergangene Woche durch die Geistesgegenwart einer Rothemden-Führung verhindert wurde, die unter den Schüssen der anrückenden Armee ihre Anhänger aufforderte, den Protest friedlich zu beenden. "Ihnen sei Dank, dass sie sich für die Auflösung entschieden", sagt Atavit. Trotzdem sollen sie vor Gericht kommen.

Mit den verhafteten Protestführern verlieren die Rothemden auch ihr jüngstes Spitzenpersonal. Schon seit 2006 sind 300 führende Leute der ehemaligen Thaksin-Regierung vom politischen Leben ausgeschlossen. Thaksin selbst lebt im Exil. Die politische Bewegung, die seit 2001 dreimal in Folge demokratische Wahlen im Land gewann, ist damit völlig kopflos. Was wird aus ihr?