Theaterromantiker sagen gerne, die Bühne sei in Wahrheit das Deck eines Schiffes, jede Inszenierung sei ein Aufbruch und jeder Schauspieler ein Reisender. Wenn man es mit älteren Schauspielern zu tun hat, die dem Beruf ihr Leben gewidmet haben, merkt man: Das Theaterspielen ist vor allem eine große, immerzu Ziel und Richtung wechselnde Zeitreise.

"Wir sind ja alle viel zu alt", sagt die Schauspielerin Angela Schmid über das Abenteuer, in dem sie nun steckt: Sie spielt Marie, eine junge, dralle Frau aus Shakespeares Was ihr wollt, aber sie selbst ist 74 Jahre alt.

"Man weiß gar nicht, ob das geht", sagt Angela Schmid, eine tolle, zarte, tatsächlich alterslose Schauspielerin, die bei Gründgens und Noelte, bei Palitzsch und Breth, bei Wilson und Peymann gespielt hat. "Man ist aus dem Alter raus, in dem die Figuren sind – und doch: Man empfindet wie sie. Das kann man keinem erklären, der nicht in derselben Lage ist. Man freut sich genauso! Nur die Todeserfahrung ist da: Man hat geliebte Menschen verloren."

Als ihr Mann starb, vor drei Jahren, zog sie sich zurück und ließ sich auf nichts Neues mehr ein. Nun hat sie, die immer zu Theaterfamilien gehört hat, sich noch einmal einer sehr eigentümlichen Familie angeschlossen. Sie besteht aus acht Schauspielern, die zusammen 530 Jahre alt sind, das Durchschnittsalter des Ensembles beträgt 66 Jahre.

Es sind Dieter Laser (68), Ilse Ritter (65), Markus Boysen (56), Hans Diehl (70), Vadim Glowna (68), Elisabeth Trissenaar (66), Angela Schmid (74) – und die Sängerin Gitte Haenning (63) in der Rolle des Narren.

Der Regisseur Armin Holz inszeniert Shakespeares Liebesverwechslungskomödie für die Ruhrfestspiele , Premiere ist am 29. Mai in Marl, und das hohe Alter der Schauspieler ist ein Aufführungsprinzip. Alles, was der 47-jährige Regisseur tut, hat etwas Demonstratives: Es richtet sich gegen das Theatersystem, das Stadt- und Staatstheater, das er verkommen nennt – von Moden korrumpiert, von Subventionen verdorben, vom Feuilleton verzogen.

Wenn er nun Was ihr wollt inszeniert, ein Stück über die Irrtümer und Rasereien der Liebe, so passt es durchaus zum System Holz, es mit Künstlern zu besetzen, von denen man meinen könnte, sie seien aus allen Verwirrungen raus. Ihre Karrieren begannen bei Gustaf Gründgens, Ernst Noelte, Kurt Hübner; sie spielten bei Gobert, Zadek, Stein.

Wenn man sie jetzt kennenlernt, staunt man über ihre große Lust, wieder aufzubrechen. Insofern ist Holz’ Besetzungspolitik auch ein Wink an alle Jüngeren, das Alter nicht so eng zu sehen: Alter ist ein Begriff, welcher dem Menschen, der gemeint ist, nie gerecht wird, ein Zufall der Geburtslotterie.

Begegnung mit Ilse Ritter; sie ist eine Schauspielerin, die immer so wirkte, als sei sie von der Macht dieser Lotterie sehr amüsiert.