Langsam sinke ich ins Wasser hinab. Es ist tief, hell und nicht kalt. Sonnenlicht fällt herein. Auf dem Boden bewegen sich Pflanzen hin und her, aber es schwimmt kein einziger Fisch herum. Ich lege mich auf den moosigen Grund, beobachte die einfallenden Sonnenstrahlen. Es gibt nur ein Problem – ich muss Luft holen. Jetzt noch nicht, denke ich, ich will noch hierbleiben, es ist so schön und seltsam. Ich bekomme Angst, denn es ist ja nicht möglich, unter Wasser zu atmen! Die Neugier nimmt mich mit. Immer wieder sage ich mir: Probier es, überwinde den Reflex, die Angst. Und so öffne ich den Mund, das Wasser fließt in mich hinein wie flüssiger Sauerstoff. Es ist gewaltig und sehr fremd, zu spüren, wie das Wasser sich in der Lunge auflöst. Es ist ein befreiendes Gefühl, jeder Atemzug ist faszinierend und groß, alles ist ganz neu.

Diesen Traum habe ich seit meiner Kindheit. Und jedes Mal kehrt mit ihm dieses leichte Gefühl von Hingabe zurück, das ich mit jedem Atemzug unter Wasser spüre. Ich habe entdeckt, dass es dieses berauschende, aber stille Gefühl auch im Leben gibt. Da waren zum Beispiel die Dreharbeiten im Seebad Binz. In einer Orchestermuschel stand ein Chor, er sang Der Mond ist aufgegangen – und ich war gerührt. So sehr, dass ich weinen wollte. Ist doch ein bisschen blöde, dachte ich, jetzt singen die ein einfaches schönes Lied, und die Darstellerin weint vor Rührung. Aber dann sagte ich mir: Na und, dann ist es eben so. Und ich spürte dieselbe feine Aufregung wie im Traum.

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Im Hamburger Thalia Theater passierte mir das kürzlich wieder. Ich spiele in dem Stück The Truth about the Kennedys die herrische Mutter Rose, die ihren 104. Geburtstag mit sehr viel Lebensfreude, aber allein feiert. In der letzten Szene sitze ich mit einem Strohhut auf dem Kopf in einem Stuhl und singe mir Happy Birthday. In einer Vorstellung hatte ich dabei so viel Spaß und ich freute mich so sehr mit meiner Figur, dass ich herzhaft lachte und gar nicht mehr aufhören konnte. Ich erkannte sofort diesen seltsamen glücklichen Rausch aus meinem Traum wieder. Und ich frage mich, ob sich im Gehirn manchmal kleine Portale öffnen, die ähnliche Gefühle miteinander verbinden – die eine Welt mit der anderen in Beziehung setzen. Es ist beinahe so, als ob Schläuche aus den Träumen in die Realität hinüberragten, so wie kleine Gefühlskanäle.

Ich habe Angst, dass der Traum einmal aus meinem Leben verschwinden wird. Weil mit ihm eine tiefe Form von Befriedigung verloren gehen würde, eine Offenheit, die ich in mein Tagleben hinüberrette. Ich fürchte, mit dem Traum könnte mein Entdeckergeist verschwinden – und damit die Sehnsucht nach dem Leben.

Aufgezeichnet von Ulf Lippitz