In keiner Sprache, die dieser Autor kennt, hat "Spekulant" einen so hässlichen Beigeschmack wie im Deutschen. Ein "Spekulant" rangiert irgendwo zwischen Taschengeldräuber und Witwenschänder – ein Bild, das rechte Vaterländler und linke Marktfeinde seit eh und je in holder Eintracht vereint.

Was ist denn ein "Spekulant"? Das ist ein Bauer, der sät und auf reiche Ernte spekuliert. Das ist ein Häuslebauer, der mit Realien gegen die Inflation wettet. Das ist eine Kapitalgesellschaft, die mit der "Gier" der Anleger arbeitet. Das sind du und ich, die wir Konsumverzicht leisten, um morgen unsere Aktien mit Gewinn zu verkaufen.

Jede Investition ist "Spekulation", und jenseits der Subsistenz- oder Tauschwirtschaft gibt es weder Wachstum noch Wohlstand ohne solche Wetten auf die Zukunft, denen übrigens immer eine Gegenwette gegenübersteht: X kauft ein Papier, ein Ding, weil er auf steigende Preise tippt; Y verkauft, weil er auf Verfall setzt. Doch das Risiko zu verbieten hieße, Planwirtschaft zu verordnen, die bekanntlich nicht so gut funktioniert hat.

Hier kontert der Kritiker mit einem beliebten deutschen Topos: Das stimme nur für das gute, schaffende Kapital, aber nicht für das böse, raffende Kapital. Denn: Was ist, um mit Brecht zu plaudern, der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Nur ist Wachstum ohne Banken, die Geld einsammeln, um daraus Kapital zu machen, das mein Auto, deine Dönerbude, unsere Forschung finanziert, leider nicht denkbar. Auch nicht ohne Terminkontrakte (die Ur-"Derivative") für Öl, Weizen und Devisen, mit denen Käufer und Verkäufer ihr Risiko einhegen. Das macht der Bauer genauso wie BP. Kein moderner Sozialstaat ist denkbar ohne Staatsschulden, alias "Renten". Dass ein Staat wie Griechenland dabei pleitegehen kann, ist leider nicht Schuld des "raffenden Kapitals", es sei denn, man kreidete ihm an, dass es die 300 Milliarden Euro überhaupt verliehen hat.

Womit wir schon im Hier und Jetzt sind, bei den Ersatzhandlungen zumal der deutschen Regierung, die wähnt, mit dem Verbot von Leerverkäufen sowie mit Börsen- und Transaktionssteuern den "Spekulanten" das Handwerk zu legen. Leerverkäufer wetten auf den Verfall von Staatspapieren – und können den sehr wohl beschleunigen. Aber sie sind nur die Überbringer der schlechten Nachrichten. Erzeugt hat diese die verantwortungslose Ausgabenpolitik der Staaten – von Athen bis Lissabon. Eine Transaktionssteuer? Die wird Kredite verteuern und Liquidität im Welthandel verringern – genau, was wir in dieser müden Konjunktur nicht brauchen. Der vorpfingstliche Absturz der Märkte war die Quittung.

Intelligente Regulierung, ohne die kein Markt auskommt, sieht anders aus. Sie schösse nicht auf den Pianisten, wie in dem Truffaut-Klassiker von 1960, sondern auf den Komponisten – jene Staaten, die in ihrer kriminellen Verschwendung die Tröge gefüllt haben, aus denen die Banker und Hedgefunder ihre Milliarden und obszönen Boni gesaugt haben. Ersatzhandlungen sind gut für die populistische Seele, nicht für eine EU-Wirtschaft, die einer zweiten Rezession entgegenbangt.