Am Yukon herrscht Hochbetrieb. Timberwölfe, sehnig wie Marathonläufer, traben über Hügel und sandige Ebenen, im Hintergrund ziehen Karibus vorbei und rupfen an Sträuchern. Nur ein Wolf rekelt sich im Gras. Heute sind es acht Grad, Dauerregen, auch ein Felltier schätzt da die Sitzheizung, die unterm Rasen eingebaut ist, nicht zufällig direkt vor einer Aussichtsplattform: So haben es die Wölfe mollig warm, und die Besucher freuen sich über ein Fotomotiv.

"Erlebniswelten" nennt sich das Konzept, mit dem Hannover seinen Zoo in ein modernes Freizeitareal verwandelte. Sechs in sich geschlossene Themenbereiche entstanden zur Expo 2000, sie führen in afrikanische Miniatursavannen oder zu indischen Palästen, am 23. Mai wurde der siebte und letzte eröffnet: die Yukon Bay, inspiriert von der kanadischen Goldgräberstadt Dawson City.

Umweht von Popcornduft, spaziert der Besucher vorbei an Häuschen, verkleidet mit roten und blauen Holzplanken, an historischen Taucheranzügen, die vor einer Hütte lehnen, an der Fassade von Dawsons denkmalgeschütztem Theater, das sie hier nachgebaut haben und in dessen Foyer nun die WCs untergebracht sind; das Toilettenmännchen trägt Cowboystiefel und breitkrempigen Hut. Zweimal reisten Zoomitarbeiter an den Yukon, sie notierten, was ihnen gefiel: zum Beispiel die alte Dampflok Duchess, deren niedersächsische Kopie nun statt eines Zauns Bisons und Karibus trennt.

Der Beton ist graubraun bemalt, im "Hafenbecken" wippt eine Mole

In der "Yukon Market Hall" am Ende der Straße sitzt Susanne Becker mit einem Stück Cheesecake und schaut durchs Panoramafenster ins Wolfsgehege. Ihre Familie hat eine Dauerkarte, oft radelt sie mit Mann und Kindern hierher. "Ich kenne den Zoo seit den Sechzigern", sagt sie. "Gruselig war das damals, ein Betongehege neben dem anderen, mit armdicken Stäben." Und auch in den Achtzigern seien die Gehege oft winzig gewesen. "Jetzt hat man das Gefühl, die Tiere glauben, sie seien in ihrer Heimat. Sie sind viel lebhafter."

Dass aus einem schlecht besuchten Zoo ein beliebtes Ausflugsziel wurde, liegt auch an Klaus-Michael Machens. Der drahtige Mann in Jeans und Hemd eilt die Tribüne vor der Robben- und Seelöwenanlage hinauf – er will den ersten Besuchern zeigen, wie gut man von dort oben über die Weite der Bay blicken kann. "Wir wollen Geschichten erzählen. Gefühle erzeugen. Die Gäste sollen mit schönen Bildern im Kopf nach Hause gehen." Machens ist Deutschlands umstrittenster Zoodirektor. Anders als bei seinen Kollegen üblich, hat er nicht Zoologie oder Veterinärmedizin studiert. Er ist auch kein Tierfreak, der als Kind schon am Dorfteich Libellen beobachtete, sondern geriet eher zufällig an den Themenbereich Tier. Der Jurist arbeitete beim Kommunalverband des Großraums Hannover, 1994 sollte er einen neuen Zoodirektor suchen und so lange die Geschäfte leiten. Das machte ihm so viel Spaß, dass aus "kommissarisch" ein "dauerhaft" wurde.

Machens hat mit Vorbehalten zu kämpfen. Dass sein Zoo, so stark wie kaum ein anderer in Europa, die Grenze zum Freizeitpark verwische. Dass es hier weniger um Artenschutz und Wissenschaft gehe als darum, Tiere publikumswirksam zu präsentieren. Machens sieht darin keinen Widerspruch: "Wir züchten ja zum Beispiel die fast ausgestorbenen Addax-Antilopen und wildern Jungtiere in Afrika aus." Und die neuen Gehege seien akribisch nach den Artenschutz-Vorgaben erstellt: "Über neue Anlagen fällt ja immer gleich die Fachwelt her, und da möchten wir nicht schlecht aussehen." Aber natürlich denke er auch an den Kunden. Er hat sich gefreut, für die Yukon Bay seine alten europäischen Wölfe, die viel geschlafen haben, gegen quirlige nordamerikanische Wölfe eintauschen zu können, "die heulen viel öfter, das kommt sehr gut an".

Spaziert man über die eineinhalb Kilometer langen Wege der Anlage, fragt man sich, ob man all die Kanada-Kulissen wirklich braucht. Muss die Mülltonne in der Hauptstraße eine englische Aufschrift haben? Benötigt der Eisverkäufer neben der Markthalle eine erfundene Yukon-Biografie? Sind nicht das Stampfen der Bisons, die Schwimmkünste der Kegelrobben interessant genug? Andererseits setzen Museen ihre Fossilien oder Kriegerhelme heute auch in Szene und nicht nur in eine Vitrine. Und den Zootieren dürfte es egal sein, dass der Beton graubraun bemalt ist und der Felsenmodelleur Ritzen hineingemeißelt hat. Dass die Bäume, an denen sie sich schubbern, normalerweise in Kanada wachsen. Und dass im "Hafenbecken" eine Mole wippt.