Bislang ist die Geschichte des Computers durch alle Veränderungen hindurch eine Geschichte zunehmender Individualisierung der Mediennutzung und Sozialisierung seiner Nutzer zugleich: Individualisierung, weil noch jede technische Weiterentwicklung den medialen Aktionsradius der Nutzer erhöht und jedem Einzelnen zunehmend bessere Produktionsmittel an die Hand gegeben hat. Sozialisierung, weil die Geschichte des Computers ohne die Geschichte seiner Vernetzung und damit seiner Nutzer gar nicht denkbar ist. Der bisherige Höhepunkt dieser Geschichte ist die Entwicklung des Web 2.0 – verstanden als Chiffre für eine Vielzahl verschiedener kultureller und sozialer Praktiken, deren Gemeinsamkeit die Tatsache ist, dass sie erst und nur als Resultat der medialen Interaktion vernetzter Computernutzer entstehen. Wikipedia und Facebook, MashUps, Blogs und Twitterwände, die Liste ist lang, und noch wird sie länger.

Doch damit, unken einige, soll angeblich bald Schluss sein. Der Grund sei das iPad – das neueste Produkt aus dem Hause des kalifornischen Computerherstellers Apple, das nun auch in Deutschland erhältlich ist. Apple hat unsere Medienwelten immer wieder stark geprägt und nie stärker als zuletzt mit iPod und iPhone. Als Apple-Chef Steve Jobs Ende Januar das iPad präsentierte, waren nicht nur die Fans begeistert: Die Feuilletons und Wirtschaftsseiten der internationalen Presse widmeten dem Gerät und seinen möglichen Konsequenzen lange Artikel, und als es Anfang April in den USA in die Läden kam, fand es reißenden Absatz und Begeisterung auch bei den meisten Erstnutzern.

Der Hype um das iPad beruhte auf der Erwartung, dass sich mit seiner Verbreitung unsere Art und Weise, Computer zu nutzen, wieder einmal grundlegend ändern werde. Ob das stimmt, wird sich zeigen. Schon heute allerdings ist deutlich, dass das iPad mehr ist als nur ein Gerät. Das iPad ist vor allem eine Idee. Diese Idee lautet: Entspann dich, und genieße die Welt deiner Medien. Das ist ein wenig wie Fernsehen, nur dass die Inhalte aus dem bestehen, was das Internet hergibt. Das iPad ist konzipiert als Mittel des individuellen Konsums von Fotos, Filmen, Musik, Büchern und Magazinen – aber auch um seine Lieblingsbilder, -texte oder -songs an Freunde zu schicken oder in soziale Netzwerke zu posten. "Enjoying and sharing" (Steve Jobs). Man kann mit ihm schreiben, aber Fotos machen kann es nicht. Man wird auf ihm keine Filme schneiden oder Romane verfassen. Als Produktionsmittel ist es zunächst nicht gedacht.

Hält der Erfolg, was die Verkaufszahlen versprechen, dann wird das iPad endlich den Tablet-Computer etablieren – jenen Gerätetypus, dem Bill Gates 2001 bereits fälschlicherweise prophezeite, dass er fünf Jahre später zum meistverkauften Rechner avancieren würde. Vielleicht entwickelt sich mit dem ökonomischen Erfolg eine neue Kultur der Nutzung vernetzter Medieninhalte. Und möglicherweise erschließt das iPad der digitalen Welt neue Bewohner – weil seine programmatische Schlichtheit den Zugang erleichtert. Sicherlich aber wird aus dem iPad am Ende mehr, und wahrscheinlich auch anderes, als die Anfangsidee vermuten lässt. Der Grund dafür ist einfach. Computer sind universell programmierbare Maschinen. Das bedeutet: Sie sind Medien, die prinzipiell alles können. Man muss es ihnen nur sagen. Technischer Fortschritt im Zeitalter digitaler Rechner besteht im Wesentlichen darin, neue Möglichkeiten zu finden, den Computern zu sagen, was sie machen sollen – und dabei neue Ideen zu entwickeln, was wir mit den Computern machen können. Was ein Computer kann, bestimmt seine Software; was wir mit ihm machen können, bestimmt seine äußere Form.

Das iPad ist ein Computer. Apple hat dem iPad seine Gestalt gegeben und es für bestimmte Aufgaben programmiert. Doch weil es ein Computer ist, bleibt es programmierbar und kann neue und andere Aufgaben übernehmen. Zumindest theoretisch gehört dazu auch die Eigenschaft, mediale Inhalte zu produzieren. Die Zukunft des iPad hängt von zukünftigen Programmen ab – und der Frage, was die User aus ihm machen. Anders gesagt: Indem Apple die Möglichkeiten des Computers in das Interface-Design namens iPad gegossen hat, hat das Unternehmen den Spielraum der Nutzung zwar begrenzt; nachdem der Rechner seinen Nutzern übergeben ist, hat Apple die Entwicklungshoheit über die Zukunft seines Geräts aber verloren. Auch das iPad ist eine Idee, deren Potenzial sich durch die Art und Weise, wie seine Besitzer – ob als einfache Nutzer oder als Programmierer – es gebrauchen, erst konkretisieren wird.

Bei Apple weiß man das. Die restriktive Politik des App-Stores, die dem Computerkonzern die Kontrolle über seine Anwendungen sichert, reflektiert auch die Erkenntnis, dass die Apparate mitnichten schon ihre mediale Zukunft sind – deren Gestaltung vielmehr softwaregesteuert wird. Teilen der Netzgemeinde ist die Politik Apples schon lange und zu Recht suspekt. Das iPad verstärkt den vom iPhone angestoßenen Trend der Internetnutzung über ein vorgegebenes System der Applikationen anstatt über die offenen Browser. Daher der Verdacht, dass mit dem Erfolg des iPad die Ära des Web 2.0 zu Ende gehe: Die konsumorientierte Architektur des iPad dränge die partizipatorische Nutzung des Internets zurück. Aus dem interaktiven User werde wieder ein passiver Zuschauer – und das Netz damit vom Medium der Massen zum Massenmedium degradiert.

Dieser Verdacht ist, mit dem amerikanischen Philosophen Harry Frankfurt gesprochen, Bullshit. Er ist ein Pars pro Toto, dessen Pars schon falsch ist. Die Prophezeiung, mit dem iPad würde sich das World Wide Web zurückentwickeln und den Schritt vom interaktiven Partizipationsnetz zur kosumentenorientierten Abspielstätte kostenpflichtiger Medienangebote machen, ist ungefähr so logisch, wie es die Prognose gewesen wäre, mit der Einführung von Cabrios hörten die Menschen auf, im Winter Auto zu fahren. Das iPad wird sich mit Sicherheit auf absehbare Zeit nicht zum einzigen Internetzugang entwickeln. (Selbst bei optimistischen Schätzungen werden kaum mehr als 1,7 Prozent der US-Amerikaner nach Ablauf des kommenden Jahres ein iPad besitzen. Die allermeisten von ihnen aber nicht als einzigen, nicht einmal als primären Rechner.) Für den Untergang des Web 2.0 fehlt hier schlicht die Masse.