Man wundert sich ja fast, dass Lena Meyer-Landrut, zumindest bis Redaktionsschluss, das Amt des Bundespräsidenten noch nicht angeboten wurde. Als die Gewinnerin des Eurovision Song Contests am Sonntag mit dem Flugzeug in Deutschland landete, wurde sie von Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff wie ein Staatsgast empfangen – die Grüße der Bundeskanzlerin richtete er gleich mit aus. Dann wurde die 19 Jahre alte Lena Meyer-Landrut live im Fernsehen gefragt, was sie tun werde, wenn sie nach Hause komme. Sie antwortete in ihrer typischen Mischung aus Leichtigkeit und Selbstreflexion: "Schlafen, essen. Und denken."

Kreischende Fans, devote Politiker, dazu eine ARD, die ihre Lena immer wieder ins Programm hob (und ihr damit größeres Gewicht gab als dem Rücktritt Roland Kochs): Wie kommt es zu diesem Wirbel um eine Sängerin, die gar nicht so gut singen kann? Wie zu Einschaltquoten, die sonst nur bei Fußballweltmeisterschaften üblich sind?

Auf der Bühne von Oslo hielt Lena Meyer-Landrut nach ihrem Sieg ganz selbstverständlich eine schwarz-rot-goldene Fahne in der linken Hand, aber sie schwenkte sie nicht triumphierend. Diese Geste war typisch für sie, und sie hatte etwas Lässiges, so wie viele Deutsche ihr Land heute gern sehen: erfolgreich, aber nicht um jeden Preis, kein falscher Stolz, aber auch kein schlechtes Gewissen. Ziemlich cool: Wir haben kein Problem mit unserem Land, aber wir trumpfen nicht gleich auf deshalb.

Lena Meyer-Landrut macht nicht alles mit, das macht sie sympathisch. Sie weigert sich, ihr Privatleben ausschlachten zu lassen, spricht nicht mit der Bild- Zeitung und nicht mit RTL. Die Familie und ihr Umfeld in Hannover schwiegen. Auch so wurde ein Publikum zum Komplizen seiner Sängerin.

Zudem verweigerte sie sich auch noch der Pathos-Maschinerie des Eurovision Song Contests. Sie hat weder ihren merkwürdigen englischen Akzent noch ihre merkwürdige Art zu tanzen abgelegt – und sich Eigenständigkeit bewahrt. Sie hat sich nicht stylen lassen in einer immer durchgestylteren Welt. Das ist ihr Stil.

Die Deutschen sind aber auch begeistert, weil die Europäer begeistert sind: Es stimmt eben nicht, dass niemand die bösen, bösen Deutschen mag, auch in der Finanzkrise sind wir nicht der Buhmann. Schade, dass sich einige Zuschauer selbst an diesem Abend nicht richtig freuen konnten und Onlineforen mit antisemitischen Parolen füllten. Lena hatte nichts falsch gemacht. Aber Israel hat an die Deutsche keine Punkte vergeben.

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