Wenn noch irgendjemand wegen irgendetwas zurücktreten möchte, dann bitte gleich, dann haben wir es in einem Aufwasch hinter uns. Oder muss man eher Mitleid haben mit den Flüchtigen?

Die letzten Sekunden des Bundespräsidenten Horst Köhler lösen widersprüchliche Gefühle aus. Wie er da Hand in Hand mit seiner Frau dem Ausgang des Schlosses Bellevue zustrebte, das hatte etwas Anrührendes. Man fragte sich, wie übel dem Mann mitgespielt worden sein muss, dass er so geht. Gleichzeitig war Horst Köhlers Abgang unwürdig. Kann einer wegen dem bisschen Gegenwind aus dem Amt fliehen, darf er es in einer für das Land so kritischen Phase? Hat er in den Tagen vor seinem Entschluss an "die Menschen" gedacht, von denen er immer spricht, oder doch nur an den einen Menschen: Horst Köhler?

Demgegenüber wirkte der Abgang der Vorwoche fast schon souverän. Roland Koch stellte fest, dass die Politik nicht sein Leben sei , und schob hinterher, seine Gestaltungsmöglichkeiten seien nicht mehr groß genug – für einen wie ihn, durfte man im Stillen hinzufügen.

Aber stimmte das überhaupt? Roland Koch ist einer der mächtigsten Ministerpräsidenten, in seinem Land liegt die Bankenstadt Frankfurt, er ist CDU-Vize, und wie kaum ein anderer besitzt er Autorität auf jenem Politikfeld, das zurzeit existenziell wichtig ist: der Finanzpolitik, dem Sparen.

Insofern lassen sich beide Rücktritte als Flucht vor den Härten der gegenwärtigen Politik lesen. Köhler, wiewohl Währungsexperte, fand kaum rechte Worte für die Finanzkrise und verlor sich dann in einer außenpolitischen Ersatzhandlung. Kurzum: Er konnte es nicht.

Koch hat den Tiefpunkt der schlimmsten fiskalischen und europapolitischen Krise seit Jahrzehnten zum idealen Zeitpunkt erkoren, jetzt endlich mal an sich zu denken. Kurzum: Er wollte nicht.

Beide Rücktritte zeigen, wie groß der Druck der seit anderthalb Jahren tobenden Dauerkrise ist. Schonungslos werden fachliche oder menschliche Schwächen aufgedeckt, die Müden winken ab, die Traurigen resignieren, die Nervösen drehen durch. So erklärt sich, dass dieses Land derzeit keinen Bundespräsidenten hat und keinen führenden Konservativen mehr, keinen wirklich amtierenden Vizekanzler und keinen präsenten Wirtschaftsminister. Also alles Memmen außer "Mutti"?

Nein, auch die Kanzlerin durchlebt die schwächste Phase ihrer Amtszeit. Und was noch schlimmer ist: Mehr und mehr erweist sich, dass das System Merkel für diese Krise nicht gebaut ist. Horst Köhler etwa wurde vor sechs Jahren aus einer Not heraus gefunden. Weil die FDP keinen reinen CDUler wollte und die Union keinen richtigen Liberalen. Der Kompromiss hieß: Horst Köhler, der durchaus ein guter Präsident hätte sein können – unter normalen Umständen, die wir nicht mehr haben und so bald nicht wiederbekommen.