Was für ein Theater! Es geschah in der 40. Runde im Formel-1-Grand-Prix der Türkei, als sich ein greifbarer Doppelerfolg für Red Bull Racing in Rauch auflöste. Sebastian Vettel griff seinen Teamkollegen, den Australier Mark Webber, an. Doch die Boliden kollidierten. Beide landeten in der Auslaufzone, der 22-jährige Deutsche mit zerstörtem Rennauto. Mark Webber, der Führende in der Weltmeisterschaft, hielt sich noch in dem Bewerb, musste aber die Konkurrenz von McLaren ziehen lassen und rettete für Red Bull einen dritten Platz. Zu wenig für das Team der Saison, das bis dahin zur stärksten Macht in der Formel 1 aufgestiegen war. Doppelsiege in Malaysia und Monte Carlo sowie ein Triumph im Grand Prix von Spanien – zum ersten Mal ist der österreichische Rennstall ernsthafter Anwärter auf den WM-Titel in der Königsklasse des Motorsports. Das Drama von Istanbul wird allerdings, so viel sei sorglos prophezeit, nichts am Gewinn der Formel-1-Weltmeisterschaft ändern, entweder durch Webber oder Vettel, jedenfalls durch Red Bull. Es ist bloß alles ein wenig enger geworden.

Durch das Interesse der Medien an der Teamführung von Red Bull muss deren einzig verfügbarer deutschsprachiger Exponent nun laufend vor die Kameras treten, seinem Stil entspricht das ganz und gar nicht. Helmut Marko kann eine Stunde lang dastehen und dreinschauen wie ein abgerüsteter Flakturm, auch danach bleibt er zweisprachig mundfaul. Man wird das Ergebnis seiner Betrachtung schon rechtzeitig erfahren.

Heutzutage, auf der Bühne der spontanen Ausbrüche, ist diese Verschleppung der Befindlichkeit ein irritierendes Phänomen. Noch dazu kennt man sich nicht wirklich aus: Welche Macht hat "der Doktor", welche Rolle spielt er, wie definiert sich sein Job? Die Medien haben sich auf "Red Bull Motorsportdirektor" geeinigt, aber für ein Amt dieser Art sollte es ja einen Vertrag geben, eine job description . Gibt es nicht, sagt der 67-Jährige. Er ist Berater des Dietrich Mateschitz, jenes österreichischen Milliardärs, der mit Taurinlimonade jährlich Milliarden umsetzt (siehe S. 11) und Red Bull Racing mit seinen Sponsorgeldern Flügel verleiht. Das Einverständnis der beiden Herren fürs nächste Jahr wird zwischendurch getroffen, wenn die Zeit reif ist, im Flieger oder sonst wo, per Handschlag.

Ist er nun tatsächlich "der Mann hinter den Erfolgen"? Da kommt selbst Marko nicht ohne die Stehsätze der Branche aus. "Teamarbeit" ist hier der beliebteste Begriff. Das muss wohl so sein. Ein Formel-1-Team, vom Windkanal bis zur Box, das sind 500 Mann, und die kleinste Schwachstelle kann alles vermasseln. Trotzdem: Markos Arbeitsweise ist die eines Einzelkämpfers, und der wächst recht gradlinig aus der Historie.

Erster Lebenszweck in der Erinnerung des Juristen: das schnellste menschliche Wesen zwischen Graz und Bruck an der Mur zu sein, zum Beispiel schneller als Jochen Rindt. Der spätere Formel-1-Champion, Jahrgang 1942, und der um ein Jahr jüngere Helmut Marko flogen gleichzeitig vom Grazer Gymnasium und landeten im Becken der Gestrandeten, in einer Privatschule im steirischen Bad Aussee. Gleich darauf brach sich Rindt beim Skifahren das Bein, was wegen der Distanz zwischen Quartier und Schule ein Problem ergab. Die wohlhabende Familie von Jochen Rindt schickte daraufhin einen VW Käfer samt Chauffeur nach Bad Aussee. Rindt war erst 17 und hatte so was von keinem Führerschein, so einen Nichtführerschein kann man sich heute gar nicht ausmalen bei den tausend Verfehlungen, die er bei seinen Ausfahrten noch vor der Anmeldung in einer Fahrschule begangen hatte. Der deutsche Chauffeur wurde mit Hinweis auf einen älteren Mitschüler und nachweislichen Führerscheinbesitzer umgehend und ohne VW Käfer heimgeschickt.

Ein kleiner Stein zerstörte eine hoffnungsvolle Rennfahrerkarriere

Man sollte erwähnen, dass der frühe VW Käfer über Seilzugbremsen verfügte, kein Vergleich zu den heutigen Hydraulikbremsen, jedenfalls war die Fahrdynamik viel mehr auf Feingefühl angewiesen als beim Drauftreten auf ein Servopedal. Eine Kunst, welche die Freunde bei den heimlichen Privatduellen auf den Straßen rund um Bad Aussee perfektionierten. Eifrig wechselten sich die beiden hinterm Steuer ab. Rindt mit Gipsfuß gegen Herausforderer Marko: Die Fahrkünste des jeweils anderen wurden per Stoppuhr beurteilt, es gab aber auch eine Schönheitswertung. Marko nennt jene Zeit seine competitive years. Das waren die frühen sechziger Jahre, es folgte der Aufstieg.

Jochen Rindt verunglückte 1970 tödlich und wurde posthum Formel-1-Weltmeister, die Nation hungerte nach österreichischer Erbfolge. In der Aufbauphase für Schranz-Ekstase (1972), Niki Nazionale (1975) und Córdoba (1978) gab es ordentliche patriotische Wallungen im Sport.