Vergangenen Sonntag, 11 Uhr, Schloss Bellevue. Der Bundespräsident hat im großen Festsaal zu einer Matinee geladen, und nichts deutet darauf hin, dass er 27 Stunden später seinen Rücktritt erklären wird. Im Gegenteil, er sitzt gelassen auf dem Podium und beteiligt sich lebhaft an der Diskussion. Das Thema heißt "Schicksal Afrika", das ist auch der Titel eines Buches, das bei dieser Veranstaltung vorgestellt wird. Es enthält einen Rückblick auf die Initiative "Partnerschaft mit Afrika", die Köhler in Zusammenarbeit mit der ZEIT-Stiftung 2005 ins Leben gerufen hatte.

Der Bundespräsident wirkt leicht erschöpft, seine Gesichtsfarbe verrät den Stress der vergangenen Tage. Aber er ist ganz bei der Sache, bei Afrika. Der Kontinent liegt Köhler am Herzen, er hatte schon als Direktor des Internationalen Währungsfonds gute Kontakte mit afrikanischen Politikern geknüpft. Sie schätzten den Deutschen, weil er sich von allen europäischen Staats- und Regierungschefs unterschied: Er nahm ihren marginalisierten Kontinent ernst, er begegnete ihnen auf Augenhöhe, von gleich zu gleich.

In Afrika konnte Köhler ganz er selber sein, ein vom christlichen Humanismus geprägter Mensch mit einem feinen Gespür für die Sorgen und Nöte der Afrikaner. Und manchmal schien es, als sei dieser Erdteil eine Art Rückzugs- und Regenerationsraum, in dem der Präsident die Kontroversen der Heimat hinter sich lassen konnte.

Niemand im Saal ahnt, dass dies Köhlers letzter größerer Auftritt als Bundespräsident sein wird. Seine Mitarbeiter wundern sich zwar, dass er kurzfristig ein großes Interview über Afrika absagt, das nach der Matinee geplant war. Und sie rätseln im Nachhinein, ob zu diesem Zeitpunkt schon sein folgenschwerer Entschluss feststand.

"Wir sehen uns ja nächste Woche in Südafrika, beim Eröffnungsspiel zur Fußball-WM", verabschiedet sich ein Teilnehmer des Podiums von Horst Köhler. Der Bundespräsident nickt und antwortet lächelnd: "Ja, ja, nächste Woche."