Von einem so hohen und singulären Amt wie dem des Staatsoberhaupts kann man nur zurücktreten, wenn man es muss (aus Gründen der schlechten Gesundheit oder wegen eines gravierenden Fehltrittes), nicht aber einfach, wenn man es will. Auch das gehört zu dem Respekt vor dem Amt, den Horst Köhler bei seiner Rücktrittserklärung beschworen hat: Je höher das Amt, desto strenger die Anforderungen an das objektive Amtsethos, auch an die subjektive Bereitschaft zum Durchhalten.

Darin unterscheidet sich dieser vorzeitige Abbruch einer Präsidentschaft scharf von dem einzigen anderen Beispiel: dem vorzeitigen Abschied Heinrich Lübkes aus der Villa Hammerschmidt in Bonn. Lübke war bereits zu Beginn seiner zweiten Amtszeit seines Alters wegen gesundheitlich so angeschlagen, dass es eigentlich unfair war, ihn wegen mancher rhetorischer Ausfallerscheinungen höhnisch zu verspotten. Immerhin hatte auch die SPD ihn zur erneuten Kandidatur gebeten (die erhoffte Große Koalition schon im Visier). Im Oktober 1968, ein Jahr vor dem regulären Ende seiner zweiten Amtszeit, kündigte Lübke dann – nicht mehr ganz freiwillig – seinen Rücktritt für den 30. Juni 1969 an. Zur Gesichtswahrung hieß es damals, auf diese Weise lasse sich vermeiden, dass die Neuwahl eines Bundespräsidenten mitten in den Schluss des Bundestagswahlkampfes falle.

Entsprach der Rücktritt Heinrich Lübkes also einem von langer Hand vorbereiteten politischen Arrangement, so warf Horst Köhler die Brocken einfach hin – und das ohne zwingende Begründung. Dass auf diese Weise vor allem den Regierungsparteien einiges Ungemach droht wäre noch hinzunehmen – das Amt aber nimmt einen gewissen Schaden.

Der Rückzug, nicht ohne einen Zug der Wehleidigkeit, passte so gar nicht zu der ursprünglichen Ankündigung Köhlers, er wolle gegebenenfalls ein "unbequemer Präsident" sein. Wer so etwas – und zwar ohne Not – vorab verkündet, muss sich zumindest den Belastungsproben gewachsen zeigen, die ein solcher Anspruch unweigerlich mit sich bringt. Stolze Ambition damals, zage Frustration heute – was in diesem Gegensatz nicht zueinanderpasst, verweist, von heute aus betrachtet, zurück auf die ursprünglichen und nie ausgeräumten Ungereimtheiten im Amtsverständnis des im Übrigen durchaus liebenswerten Horst Köhler.

Horst Köhler wollte im Grunde ein Präsident sein, der die Parteien nicht nötig hat. Das kann aber nicht gut gehen, wenn man auf die Politik gestaltend einwirken will, die doch nur von in Wahlen legitimierten Politikern gemacht werden kann. Es gibt eben keine Politik an der parlamentarischen Mandatsmacht vorbei, auch nicht durch präsidiale Reden und Ansichten. Das musste schon Richard von Weizsäcker erfahren, als er – "zusammenwachsen, aber nicht zusammenwuchern" – einen anderen Weg zur Wiedervereinigung vorzeichnen wollte als Helmut Kohl und Willy Brandt ("Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört"). Aber was schon Weizsäcker mit seinen autoritativen Reden nicht gelingen konnte, musste sich bei den nicht eben charismatischen Reden Köhlers als Ding der Unmöglichkeit erweisen. Irgendwann muss jeder Bundespräsident erkennen, dass dieses auf Integration und Repräsentation – beide Dimensionen sind alles andere als unwichtig! – angelegte Amt nicht dazu da ist, eine eigene kontroverse politische Agenda jenseits oder im Gegensatz zur parlamentarischen Politik zu verfolgen.

In seiner Rücktrittserklärung beklagte sich Köhler also über den fehlenden Respekt vor seinem Amt. Auch hier schlägt ein Missverständnis des Amtes an sich durch. Die Akte und Verfügungen des Bundespräsidenten, auch seine wichtigeren Reden, bedürfen nach der Verfassung der Gegenzeichnung durch das zuständige Mitglied der Bundesregierung. Der tiefere Sinn dieser Regelung ist folgender: Der Bundespräsident soll einerseits öffentlich nicht getadelt werden – andererseits nicht jenseits aller parlamentarischen Kontrolle agieren. Das Instrument der Gegenzeichnung ermöglicht eine sozusagen mittelbare parlamentarische Kritik des Präsidentenhandelns, ohne ihn als Person anzugreifen – indem man einfach den gegenzeichnenden Minister oder Kanzler im Parlament für seine Contrasignatur zur Rede stellt. Nach dem Attentat auf die israelische Olympiamannschaft 1972 in München flogen Bundespräsident Gustav Heinemann und Außenminister Walter Scheel gemeinsam zur Gedenkfeier nach München. Scheel verlangte die Rede zu lesen, die Heinemann halten wollte. Im Manuskript fand sich ein Satz, der den arabischen Nachbarstaaten Israels die Schuld für die Förderung dieses Terrors zuwies. Scheel bat – Pflicht zur Gegenzeichnung! – um die Streichung dieses Satzes. Heinemann erwiderte: Dann halte er die ganze Rede nicht. Scheel gab nach, hätte aber im Falle einer parlamentarischen Rüge die Kritik ganz auf sich nehmen müssen.

Je weiter sich aber ein Präsident ohne diese Rückendeckung (und beratende Kontrolle durch Regierungsmitglieder) aus dem Fenster lehnt, desto weniger kann er verlangen, dass er als Person der Kritik entzogen bleibt. Wohl wahr, dass Jürgen Trittin, der Köhlers jüngste Äußerungen zu Militäreinsätzen mit Heinrich Lübkes alterskranken Patzern verglich, eine unsägliche Taktlosigkeit beging – und zudem sachlich falsch lag. Es hätte sich in der politischen Klasse gerne jemand finden dürfen, der den nicht eben taktfeinen Trittin in die Schranken der Höflichkeit verweist. Doch eine Legitimation für einen Rücktritt gibt die Sache nicht her. Und bei solchen Ämtern braucht auch ein Rücktritt nicht weniger eine Legitimation als ein Antritt. "Mein Amt", sagte Köhler am Montag. Nein, nicht er hat ein Amt, als sei es seines – das Amt hat vielmehr zuerst einmal ihn.

Im Grunde bleibt eine objektiv hilflose Paradoxie zurück: Da will einer unbequem sein – und flieht vor den Unbequemlichkeiten der Unbequemlichkeit. Da plädiert jemand für eine künftige Direktwahl des Bundespräsidenten, obwohl er ohne die indirekte Wahl selber nie Präsident geworden wäre. Und nun legt er, obwohl ihn die lieben Bürger immer noch mögen, das Amt den bösen Politikern wieder hin. Wie einsam muss jemand gewesen sein, der diese Spannungen nicht mehr aushalten wollte?