Wie man mit unvorhergesehenen Ereignissen umgeht, das weiß Hinrich Horn nach diesem Tag. Unerwartet ist sein Cembalist krank geworden, auf die Schnelle hat er Ersatz besorgt. "Jetzt müssen wir noch mal proben", sagt der 30-Jährige zweieinhalb Stunden vor der Prüfung. Doch zuerst singt er sich ein. "Oui, oui, oui, oui, oui" , klingt es in einem kleinen Raum hinter der Bühne, Horns Lehrer ist Franzose. Horn tippt ein paar Töne auf dem Klavier an, dann hält er sich die Hände über die Ohren, singt "jam jam jam jam jam" und begleitet schließlich die Töne mit den Händen auf ihrem Weg durch die Luft. Es ist der Tag seines Diplomkonzerts als Bariton im Studiengang Oper/Solo an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover.

Es gibt für Opernsänger viele Wege in den Beruf: Privatstunden bei Meistersängern zum Beispiel oder das Studium an einer Hochschule. In Hannover beginnen jedes Jahr im Schnitt zehn Studenten ihre Ausbildung. Der Markt ist klein, der Andrang auf die wenigen freien Stellen enorm. Hinrich Horn wird im Herbst als Leporello nach Zwickau in Sachsen an die Oper gehen. Das Ziel irgendwann: "Frei zu arbeiten und vielleicht Wolfram aus dem Tannhäuser singen." Horn ist schon dabei, die Rolle einzustudieren, ganz vorsichtig, "daran kann man sich auch verbrüllen, wenn man es falsch macht".

Doch erst mal muss er seine Prüfung meistern. Er trifft sich mit dem Ersatz-Cembalisten. Noch zwei Stunden bis zum Auftritt. In einem Musikzimmer im oberen Stockwerk der Hochschule setzen sie an: "Ich habe genung", singt Hinrich Horn. "Du musst auf jeden Fall ›genung‹ singen, da legt er Wert drauf", sagt der Cembalist über den Professor, bei dem Horn studiert hat und der es mit dem Text der Bach-Kantate genau nimmt. "Spiel ruhig ein wenig operaler", sagt Horn, "nicht ganz so schlicht." Dann noch einmal von vorn. Damit am Abend alles klappt, das Zusammenspiel mit den beiden Geigen, der Viola, dem Cello und der Oboe so funktioniert, wie Horn sich das vorstellt. Damit der Ausfall des Cembalisten ihm nicht den Abschluss vermasselt.

Dass er überhaupt Sänger wurde, war nicht geplant. Mit 14 wollte er noch professioneller Trompeter werden, nach dem Abitur begann er ein Lehramtsstudium mit Musik als einem der Fächer. Bei der Aufnahmeprüfung merkte er: "Singen macht ja Spaß!" Der Wendepunkt, an dem ihm klar wurde, dass er alles auf eine Karte setzen musste, das war eine Tosca- Inszenierung in Budapest, die er mit seinen Lehramtskommilitonen gemeinsam besuchte. "Danach stand ich oben auf der Budapester Burg und wusste, ich würde mich mit 50 ärgern, es nicht versucht zu haben." Von da an hörte er nicht mehr auf, die Stimme zu erheben. Zur Zulassung für den Solo-Studiengang gehört ein Programm aus fünf Werken verschiedener Stilepochen. Eine Klausur in Tonsatz und Gehörbildung, eine praktische Prüfung, in der man zum Beispiel Rhythmen nachklopfen muss. Hinrich Horn schloss trotz der bestandenen Aufnahmeprüfung das Lehramtsstudium ab, aber seinen Weg als Sänger verlor er nicht mehr aus den Augen.

Drei Opernsprachen müssen im Programm des Abschlusskonzertes vertreten sein, ein Auftritt im Ensemble und ein modernes Stück. Die Noten dafür hat Horn erst am letzten Donnerstag bekommen, von seinem Kommilitonen für ihn komponiert. Das hatte sich Horn überlegt; "die Frage war: Was ist eigentlich moderne Musik?"

Noch eine Stunde. Horn und sein Pianist üben das neue Stück. Der Komponist Gordon Malerba tigert durch die hinteren Stuhlreihen. "Sehr schön, sehr schön", sagt er, hebt die Daumen hoch, "nur viel entspannter müsst ihr sein!" Dann müssen die Programme gefaltet werden, der Smoking angezogen, die Augenränder überdeckt. Ein letzter Blick in den Spiegel, über die Haare gestrichen, Auftritt.

Das Zusammenspiel bei der Kantate klappt. Der Don Quichotte auch. Die ganze Familie ist gekommen, in den Pausen zwischen den Stücken schreiben sie kleine Kärtchen für die Blumen, die sie am Ende werfen werden. Die Arie des Guglielmo aus Così fan tutte, der Malatesta aus Don Pasquale, dann ist Hinrich Horn Papageno, wirbelt seine Gesangspartnerin durch die Luft und lacht beim Verbeugen befreit. Er ist jetzt diplomierter Opernsänger. Die Zukunft kann kommen. Und mit 50 der Scarpia aus der Tosca, vielleicht. "Richtig interessant wird es für mich erst mit 35", sagt Horn. Es passiert noch etwas mit der Stimme. Die Ausbildung hört nie auf.

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