Nein, er wolle zu dem Thema nichts mehr sagen, sagt Ilko-Sascha Kowalczuk am Telefon, in seiner Rede habe er sich erschöpfend geäußert, er brauche sich nicht selbst zu kommentieren. Dann tut er es doch: "Eigentlich ging es mir gar nicht um die eine Person. Viel wichtiger war mir, den Mechanismus des Schweigekartells zu beschreiben, der auch jetzt wieder angesprungen ist."

Kowalczuk arbeitet in der Forschungsabteilung der Birthler-Behörde. Vor wenigen Tagen hat er auf einer Tagung des SED-Forschungsverbunds einen Vortrag über Die Hochschulen und die Revolution 1989/90 gehalten, doch fast drei Viertel seiner Redezeit verwendete er auf einen Mann: den Erziehungswissenschaftler Jan-Hendrik Olbertz, der Kultusminister von Sachsen-Anhalt ist und im Oktober Präsident der Berliner Humboldt-Universität werden soll. Olbertz habe mit seinen beiden vor der Wende veröffentlichten Dissertationen "Machwerke" voller "ideologischer Einpeitscherparolen" abgeliefert, befand Kowalczuk. So sei die 1981 verfasste Arbeit Akademisches Ethos und Hochschulpädagogik "von der ersten bis zur letzten Seite dem Marxismus-Leninismus verpflichtet."

Das bundesweite Medienecho, das seinem Vortrag folgte, hat Kowalczuk offenbar selbst überrascht. Und auch der Mann, um den es ihm angeblich gar nicht ging, befindet sich seit den Vorwürfen gegen ihn im seelischen Ausnahmezustand. "Ich finde es unerträglich, von einer selbst ernannten moralischen Instanz mal eben zum ideologischen Einpeitscher gemacht zu werden", wehrt sich der sonst so ausgeglichene Olbertz. Ja, er habe in der Diktatur ein paar Zugeständnisse gemacht, aber nur mit Worten. "Vielleicht ein paar zu viele, das kann man mir vorwerfen. Doch meine Qualifikationsarbeiten an heutigen Maßstäben einer vom Staat garantierten freien und unabhängigen Wissenschaft zu messen ist ahistorisch und unfair."

Der Historiker Kowalczuk nimmt indes für sich in Anspruch, die Maßstäbe des Unrechtsstaats DDR aus eigener Anschauung zu kennen. Geboren 1967, hat er bis zur Wende als Pförtner in einem Institut gearbeitet, gleich danach 1990 ein Geschichtsstudium aufgenommen. Er habe zur uneinheitlichen Masse dazwischen gehört, sagte er einmal in einem Zeitungsinterview, weder sei er in der organisierten Opposition noch Mitglied der SED gewesen. "Ich war jung und suchte nach meinem Weg." Es sind Sätze, die nicht viel anders klingen, als wenn Olbertz über seine Vergangenheit erzählt: Im Gegensatz zu vielen anderen sei er nie Mitglied der SED, einer Blockpartei oder der "Kampfgruppe der Arbeiterklasse" gewesen.

Es ist eine eigenartige Auseinandersetzung, die da die eigentlich mit Haushaltskürzungen ringende Hochschullandschaft in Atem hält. Denn es wird nicht so recht klar, was eigentlich der Vorwurf ist, der sich gegen Olbertz richtet. Dass er sich als DDR-Wissenschaftler regimetreu geäußert hat? In seinem Vortrag hat Kowalczuk jede Menge Passagen aus den Arbeiten von Olbertz zitiert. Diese zum Beispiel, die aus der zweiten Dissertation von 1989 stammt: "Verantwortung des Wissenschaftlers im Sozialismus wie überhaupt der sozialistischen Intelligenz ist immer zugleich auch Bündnisverantwortung gegenüber der Arbeiterklasse."

Der Westdeutsche Erich Thies, heute Generalsekretär der Kultusministerkonferenz, hat 1990 als Vorsitzender einer sogenannten Struktur- und Berufungskommission an der Humboldt-Universität umfangreiche Erfahrung mit der Reorganisation der DDR-Universitätspädagogik gemacht. "Ohne Zweifel gehörte das Fach neben den Rechtswissenschaften zu den am stärksten ideologisierten", sagt er. Bei den wenigen Neuberufungen von Ostwissenschaftlern habe man sich deren wissenschaftliche Arbeiten genau angesehen. "Man konnte sehr wohl erkennen, schrieben da Überzeugungstäter, oder steckte hinter den sprachlichen Ornamenten ein brauchbarer wissenschaftlicher Kern." Was Olbertz’ Arbeiten angeht, stehe für ihn fest: "Das waren nur Ornamente."

Aufschlussreich ist es auch, wenn man sich unter den Rektoren ostdeutscher Hochschulen auf die Suche macht nach Zeitzeugen, die in der DDR ihre akademischen Wurzeln haben. Erstens: Man findet kaum welche, die meisten haben die akademische Säuberung nach der Wende nicht überstanden. Zweitens: Nur einer will sich überhaupt auf ein Gespräch einlassen, aber seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Was seiner Meinung nach eindeutig für eine Entlastung von Olbertz spreche, sei, dass er sich der SED verweigert habe. "Das führte automatisch zum Karrierestopp." Tatsächlich wurde der 1954 geborene Olbertz erst nach der Wende auf seine erste Pädagogikprofessur berufen, ausgerechnet in den Westen, nach Bielefeld. So zeugen die verquasten, wenig spektakulären Sozialismusplattitüden des DDR-Wissenschaftlers Olbertz am Ende vor allem von dem enormen Anpassungsdruck, unter dem die Forscher standen. Geeignet, die Lebensleistung des profilierten BRD-Bildungspolitikers Olbertz infrage zu stellen, sind sie nicht.