Seit ein paar Monaten habe ich eine Wohnung in Berlin. Als Sohn einer Schweizerin und eines Italieners bin ich in Deutschland zum hundertprozentigen Ausländer geworden, auch wenn meine Migration von der Deutschschweiz nach Deutschland im Grunde kaum spektakulärer war als ein Umzug von Zürich nach Bern oder von Stuttgart nach Dresden.

Wenn ich nun in einem italienischen Restaurant sitze, gebe ich mir alle Mühe, möglichst fehlerfrei auf Italienisch zu bestellen – sodass ich im Stress dann schon mal die einfachsten grammatikalischen Regeln vergesse. Aber auch als halber Italiener bin ich natürlich ein ganzer Italiener. Einfacher fällt mir meine Selbstdefinition über die Sprache, wenn ich mich in Berlin mit irgendeinem anderen Ausländer unterhalte: Da mische ich dann einen undefinierbaren Akzent in mein Hochdeutsch, denn ich will natürlich – unter Immigranten – ebenfalls als Ausländer wahrgenommen werden; allerdings darf der Akzent nicht zu schweizerisch tönen, weil das dann rasch als deutscher Dialekt verstanden wird: Bist du aus Bayern? Gegenüber Deutschen betone ich wiederum meinen Schweizer Akzent, da kommt das meist gut an. Wenigstens zurzeit noch.

Als Schweizer kann man ein Ausländer sein, der gut ankommt

Jedenfalls bin ich jetzt in Berlin endlich nicht mehr der Halb-Secondo, der ich in der Schweiz stets war. In Deutschland kann ich sagen, ich sei ein Migrant erster Generation, und so erlebe ich das Ausländerdasein endlich mit allem Drum und Dran. Vor einiger Zeit wollte ich zum Beispiel einen Kastenwagen mieten, um einen alten Schrank vom Kiez-Trödler in meine Wohnung zu transportieren. Bei der telefonischen Reservation des Lieferwagens hatte ich extra noch nachgefragt, was ich mitbringen müsse, um ihn bei der Autovermietung abzuholen; denn natürlich habe ich längst gemerkt, welche Schwierigkeiten in den kleinsten Dingen lauern, wenn man fremd ist. Ich machte mich mit Führerschein – die Bezeichnung "Fahrausweis" habe ich mir schon abgewöhnt – und Personalausweis auf den Weg.

Die Autovermietung lag auf der anderen Seite der Stadt, aber es war die günstigste von ganz Berlin. Ich wählte sie, auch wenn für mich als Schweizer eigentlich zuerst die Qualität oder als Italiener zuerst die Schönheit kommt, bevor ich mir über den Preis Gedanken mache – nicht wie beim Typus des sparsamen Deutschen, den ich ein paar Tage zuvor live miterleben konnte: Da diskutierte eine Frau mit Perlenkette im ICE-Ruheabteil eine halbe Stunde lang via Handy die billigste Möglichkeit, um von Berlin nach München zu reisen. Den nächsten Abend verbrachte ich damit, im Internet einen Mobilfunkanbieter zu suchen, dessen Tarife so günstig sind, dass sich ein halbstündiges Telefonat zur Erörterung solcher Sparmöglichkeiten lohnt. Dabei stieß ich, ganz zufällig, auf die günstigste Autovermietung von Berlin.

In der Autovermietung am anderen Ende der Stadt verlangte die Frau an der Rezeption meinen Personalausweis. Früher nutzte ich solche Gelegenheiten, um meine italienische Identitätskarte zu präsentieren, aber in Deutschland habe ich, wie gesagt, festgestellt, dass man auch als Schweizer ein Ausländer sein kann, der gut ankommt. Und so verspüre ich, seit ich Immigrant erster Generation bin, des Öfteren auch gegenüber der Schweiz so richtig heimatnostalgische Gefühle. Zum Beispiel wenn ich im Berliner Hauptbahnhof auf den Nachtzug nach Zürich warte und Schweizerdeutsch höre. Allerdings hüte ich mich davor, mit anderen Schweizern ins Gespräch zu kommen, ja, ich spreche außerhalb der Schweiz sowieso kein Schweizerdeutsch, wenn andere Schweizer, die ich nicht kenne, in der Nähe sind.

Jedenfalls zückte ich in der Berliner Autovermietung meine Schweizer Identitätskarte. Die Frau an der Rezeption blieb kühl. Und sie forderte erneut: einen Personalausweis! Auf meine Antwort, dass dies doch ein Personalausweis sei, erklärte sie mir genervt, es sei eine ID-Card und kein Personalausweis, und ich benötige noch eine Anmeldebestätigung dazu, weil sie schließlich wissen müsse, wo ich wohne. Ich wies sie darauf hin, dass ich mich extra noch erkundigt hätte und dass nur von Führerschein und von einem Personalausweis die Rede gewesen sei und dass wir in der Schweiz ohnehin keinen Extrapersonalausweis hätten, außer mir natürlich, der ja noch die italienische ID besitzt, sozusagen eine EU-ID, die ich ihr auch gerne zeigen würde… Auf all das ging die Dame gar nicht mehr ein. Grußlos wandte sie sich dem nächsten Kunden zu.

Lieber schweizerisch deregulieren und italienisch flexibilisieren

Ich verließ die Autovermietung mit einem meiner Lieblingsflüche – ausgestoßen migranten-authentisch auf Italienisch oder auf Schweizerdeutsch – und bemerkte, dass es ja kein Wunder sei, dass eine so überregulierte Gesellschaft einen so überregulierten maroden Staat habe und dass man da entweder gut schweizerisch deregulieren oder gut italienisch flexibilisieren müsste. Danach fühlte ich mich wieder richtig überlegen in meinem hundertprozentigen Fremdsein.