Der Komponist Gustav Mahler hat auch die Vortragsanweisung zur Kunstform erhoben. Über die Tempo- und Lautstärkeangaben hinaus wimmelt es in seinen Symphonien von erhobenen Zeigefingern ("Ja nicht eilen!"), weitsichtigen Befehlen ("Alle Betonungen consequent durchführen"), praktischen Winken (Chorpartie "nur im Notfall mitspielen"), Anleitungen zum Mitfühlen ("Mit Humor") und sogar offenen Paradoxien ("Es kommt durchaus nicht darauf an, diese Töne zu hören"). Beinahe kryptisch ist die Notiz nach dem ersten Satz der Symphonie Nr. 2 c-Moll: "Hier folgt eine Pause von mindestens 5 Minuten." Warum? Wozu? An diesen Vermerk hat sich vermutlich noch kein Dirigent gehalten.

Zu fünf Minuten schrumpfen hier fünf Jahre. In Leipzig hatte Mahler seine Zweite rasch nach der Ersten weitgehend skizziert, 1888 in Prag den Kopfsatz beendet und ihn mit Totenfeier betitelt. Berufliche Veränderungen und Selbstzweifel blockierten den symphonischen Prozess indes bis 1893. Zwischenzeitlich weiteten ein paar Wunderhorn- Lieder Mahlers Sicht auf den Horizont seiner Erlebniswelt. Das Finale türmte der erst 1894 integrierte Klopstock-Choral Aufersteh’n zum glühenden Hymnus. Das Werk war jetzt glücklich vollendet, doch die Kritiken fielen vernichtend aus.

Mahlers Schmerzenskind hat sich trotzdem zum Publikumsliebling gemausert; die Zweite sättigt das Bedürfnis nach jenseitigen Tröstungen im Angesicht des Todes, ohne dass Mahler für den Auferstehungsschwung die Heerscharen der 8. Symphonie auffahren musste. Gleichwohl gerät die Zweite in Aufführungen nicht selten arg bombastisch. Dabei sind Mahlers Vortragsanweisungen hier so sinnfällig, dass der kluge Satz Theodor W. Adornos gilt, dies sei "Kapellmeistermusik höchsten Ranges; eine, die sich selbst vorträgt". Adorno schrieb dies vor 50 Jahren in Frankfurt, dessen Radio-Sinfonieorchester zur Musik von Mahler ein Herzensverhältnis hat: Der langjährige Chefdirigent Eliahu Inbal brachte hier die erste digitale, noch heute vorbildliche Gesamtaufnahme aller Mahler-Symphonien heraus – sie begann vor 25 Jahren, noch ein Jubiläum.

Jetzt ist Inbals Nachfolger Paavo Järvi mit einer grandiosen Aufnahme der Zweiten auf dem Weg zu seiner eigenen Frankfurter Mahler-Serie. Der estnische Dirigent hat zu Mahler ein entspanntes Verhältnis. Er entdeckt in der Musik kein nervöses Leiden, keine Hysterie, keine Schreikrämpfe; er gibt auch nicht den Radiologen, der die Symphonie röntgen lässt und dann nur noch Einzelstimmen findet. Järvi wird vielmehr zum Begleiter seines Orchesters und steuert es wie von fern bei dem Projekt, dass sich unter genauester Befolgung von Mahlers Wünschen die fünf Sätze von selbst entwickeln. Dabei ist die Streubreite der Dynamik und Farbkraft des Frankfurter Orchesters so auffallend wie seine Brillanz; bei aller Wärme klingt es zuweilen, als spiele es Berlioz. Die Streicher spielen mit einem beweglichen Ton, der fallweise wie Klinge oder wie Puderquaste klingt.

Gewiss raspeln die Violinen mitunter süß oder wuchtig. Und gewiss ist Mahler, wie Järvi ihn versteht, bisweilen ein wilder Kerl, der weder Dämonen noch die Totensequenz des Dies irae scheut. Doch indem Järvi das Heimliche und Intime als Urlicht des Klangs aufscheinen lässt, beeindruckt die Expansion ins Wilde und Feierliche umso mehr. Und da in Natalie Dessay (Sopran), Alice Coote (Mezzosopran) und dem baskischen Chor Orféon Donostiarra hinreißende Vokalisten mitwirken, hört man die Glocken der letzten Takte als kollektiven Jubel, als Aufatmen, als Beifall.

Gustav Mahler: Zweite Symphonie c-Moll.Frankfurt Radio Symphony Orchestra,  Ltg. Paavo Järvi (Virgin CD 50999 694586 06)