Wie Deborah Coughlin auf die Idee kam, einen Chor leiten zu wollen, lässt sich nicht mehr ermitteln, aber dass sie eine Frau von zupackendem Wesen ist, sieht man sofort. Mit ihren Oberarmen und der robusten Ausstrahlung könnte man sie sich gut als Kneipenwirtin vorstellen oder als Sozialarbeiterin in einem Heim für Schwererziehbare, und in einem gewissen Sinn ist sie das auch. Kaum ein Jahr ist vergangen, seit sie im Hinterzimmer desselben Ostlondoner Pubs, in dem wir gerade sitzen, sechs Probandinnen um sich scharte. Aus den sechs wurden rasch zwölf, aus den zwölf sechzehn, und irgendwann begann die Sache sich eigendynamisch zu entwickeln. Inzwischen ist aus dem harten Kern nicht nur ein 24-köpfiges Vokalensemble erwachsen, sondern ein Phänomen. Es hört auf den Namen Gaggle – Geschnatter – und trifft sich einmal die Woche. Es besteht ausschließlich aus Frauen, die ihre Verbundenheit gern mit einem geselligen Glas besiegeln. Seine Gastspielkarriere hat das Phänomen von Auftritten im Nachbarpub bis hinauf zum renommierten Transmusicales-Festival geführt, wo es die Münder der Zuschauer offen stehen ließ. Wer Gaggle einmal live erlebt hat, weiß, warum.

Der Auftritt von zwei Dutzend Frauen, die die Bühne zum Beben bringen, ist eine Herausforderung an das Begriffsvermögen. Sie kommen in selbst geschneiderten Roben, sie tragen eine Art Kriegsbemalung. Zu bollernden Computerbeats wogen sie behände hin und her und holen dabei das Äußerste aus ihren Lungen heraus. Was die musikalische Seite anbelangt, könnte man von einem Brüll-, Schrei- und Stampfchor sprechen. Thematisch kombinieren sie Motive des britischen Seemannslieds mit zeitgenössischen Variationen über das Rauchen, Saufen und Ehebrechen. Vom Outfit her wirken sie wie Anhängerinnen versunkener präraffaelitischer Kulte, die es unter ungeklärten Umständen in unsere Gegenwart verschlagen hat. Das alles hat Gaggle den Ehrentitel "London’s first Sci-Fi Riot Choir" eingetragen. Ein anderer Schluss liegt freilich näher.

Ausgebildete Stimmen schaden nur, in der Begeisterung liegt die Kraft

Es ist die Tradition des Kneipenchors, die unter Deborah Coughlins ebenso gewährender wie robuster Leitung wiederauflebt: Man trifft sich, weil man sich sowieso treffen möchte, hat aber als singender Stammtisch noch mehr Spaß. Ausgebildete Stimmen sind dabei eher hinderlich, in der Begeisterung liegt die Kraft. Ein Gaggle zu sein heißt, eine Lanze für den Laiengesang zu brechen. Ein Gaggle zu sein heißt des Weiteren, das individuelle Ausdrucksvermögen über den Schönklang zu stellen. Allerdings hat der Kneipenchor mit Gaggle eine grundlegende Modernisierung erfahren. Die Frauen, die sich jeden Dienstagabend im Gaggle-Hauptquartier, der George Tavern in Stepney, treffen, führen tagsüber das beschleunigte Leben urbaner Kreativexistenzen.

Coughlin zählt auf, was in Gaggle an Berufen versammelt ist: Webdesignerinnen, Modemacherinnen, Galeristinnen, Fotografinnen, Journalistinnen, eine Herstellerin veganer Schokolade, sogar eine Antiterrorismusexpertin – alles, was in der neueren Soziologie als "kreative Klasse" geführt wird, ist vorhanden. Gälte es, eine Firma zu gründen, in Gaggle käme eine Menge Kompetenz zusammen. Dass jede von ihnen ihr Talent in den Dienst der Sache stellt – die eine, indem sie die Kostüme entwirft, die andere, indem sie die Homepage betreut, Coughlin, die neben ihrem Job als Konzertmanagerin für Text und Musik verantwortlich ist –, versteht sich von selbst. Und doch geht es bei Gaggle um mehr. Es geht um die Fähigkeit, das alles für einen Moment zu vergessen und kollektiv Dampf abzulassen.

Versuche, den Laiengesang neu zu erfinden, gibt es in London derzeit eine ganze Reihe. Auf Stadtteilfesten tritt Harmony On Heels auf, ein Frauenchor, der Hitparadensongs interpretiert. Im Einwandererviertel Brixton betreibt die Künstlerin Barby Asante ein der Pflege schwarzen Liedguts gewidmetes Ensemble, den Funk Chorus. Dann ist da noch ein hagerer Mann namens Phil Minton. Mit seinem Feral Choir veranstaltet er spontane Sing-ins, zu denen bis zu hundert Sänger und Sängerinnen für einen einzigen Abend zusammenfinden, "no previous singing experience needed". Dafür beginnt Minton, der schon in der Tate Britain aufgetreten ist, seine Konzerte gern mit Lachübungen. In der britischen Presse, wo man den Trends gern beim Wachsen zuhört, war schon von einer Welle der Independent-Chöre die Rede, die die Hauptstadt erschüttert. So weit würde Deborah Coughlin nicht gehen: Bei näherem Hinsehen überwiegen die Unterschiede. Etwas Symptomatisches hat die Tatsache, dass so viele sich neuerdings mit ihren untrainierten Stimmen hinauswagen, aber schon.

Im Trend zum Freistilgesang bricht sich ein Ausdrucksverlangen Bahn, das von den gängigen kulturellen Angeboten nur ungenügend befriedigt wird. Zwar versteht sich England von jeher als sangesfreudige Nation, von der Arbeiterklasse bis hinauf zur Aristokratie. Den Ruch von Tweed und vergilbtem Notenpapier ist das Chorwesen allerdings nie losgeworden. Beim Singen, wie man es seit Jahrhunderten betreibt, steht die Pflege eines bestimmten Repertoires im Mittelpunkt, man denkt in ideologischen Bahnen, manchmal hat die Organisationsform sogar noch etwas von einem Verein – alles Kriterien, die von Independent-Sängern als kontraproduktiv empfunden werden. Der Independent-Gesang funktioniert nach dem Vorbild des Punk: eins, zwei, drei – los! Im Independent-Gestus steckt aber auch ein Stück Widerstand gegen die kulturindustriellen Formate, die neuerdings das verstaubte Image des Chorsingens auf Vordermann bringen sollen.

 

Allein im britischen Fernsehen laufen derzeit zwei Singshows, The Choir und Last Choir Standing. Der Erfolg ist beträchtlich, Statistiker wollen herausgefunden haben, dass die Jugend seither wieder verstärkt Chören beitritt. Doch das sind Scheindemokratisierungen, denen ein Gaggle misstraut. Diese Shows sind Abkömmlinge der notorischen Superstar-Veranstaltungen, wo Halbwüchsige süßliche Songs zum Besten geben, um anschließend nach allen Regeln der Kunst vermarktet zu werden. Beim Fernsehsingen geht es darum, Schallplatten zu verkaufen, der stolze Antiprofessionalismus des Independent-Gesangs hingegen ermöglicht eine Erfahrung, die keine Tonkonserve vermittelt. Das könnte tatsächlich etwas Zukunftweisendes haben. Die Stimme war einmal das Urinstrument des Menschen. Sie wird es wieder sein, wenn das Interesse an industrieller Ware erloschen ist.

Am radikalsten hat diesen Gedanken bislang der Schotte Bill Drummond durchgespielt. Drummond, einst Kopf der Konzeptpopband KLF, gründete aus Melancholie über den verwalteten Zustand von Musik einen Chor namens 17. Die Mitglieder dafür rekrutierte er aus allen Teilen der Gesellschaft – 17 Kinder, 17 Alte, 17 Friseusen, einmal sogar 17 Angestellte einer McDonald’s-Filiale. Drummond brachte sie jeweils in einem Raum zusammen und ließ ihren Gesang von einem Toningenieur übereinanderschichten. Augenzeugen berichten, der Effekt sei überwältigend gewesen, sie hätten sich tatsächlich an himmlische Chöre erinnert gefühlt. Nachprüfen lässt sich das freilich nicht, denn die Aufnahmen wurden sofort wieder gelöscht. Den Sinn der Aktion legte Drummond in seinem Manifest 17 dar, in dem er die industrielle Konservierung von Musik für den Verlust ihrer Attraktivität verantwortlich machte und eine Rückkehr zum Selbermachen forderte.

Der Musikkonsum ist tot, es lebe das Singen – keine schlechte Idee, findet Deborah Coughlin, wenn auch vielleicht etwas männlich konzeptuell gedacht. Bei Gaggle steht das Soziale im Mittelpunkt: Der Star ist die Stimme selbst, nicht so sehr die Vorstellungen, die sich um sie herumranken. Deshalb auch der Name, Geschnatter: Man habe das Klischee von der Frau als schwatzhafter Gans ins Positive wenden wollen – Gänse sind nämlich in Wahrheit sehr soziale Tiere. Etwas Erhebendes hat es indes, wenn die Musik von zwei Dutzend Sängerinnen ein- und wieder ausgeatmet wird; es ist eine körperliche Erfahrung, die einen begreifen lässt, was Kollektive zustande bringen können, wenn sie einmal Vertrauen in sich selbst gefasst haben. Dass dieser orphische Ansatz nicht im Sinne der Musikindustrie sein kann, ist offensichtlich, allerdings führt am Amateurstatus ohnehin kein Weg vorbei: Leben lässt sich vom Singen nicht. Es kommt darauf an, was man daraus macht.

Die zentrale Botschaft des Gaggle-Hits "Flies": Alle sind betrunken

Bei Gaggle ist alles selbst gemacht, von der Musik bis hin zu den Roben, die an einen psychedelischen Orden denken lassen. Das ist so gewollt, Gaggle versteht sich als spirituelle Schwesternschaft. Wer dem Orden der Gaggler beitritt, erhält eine neue Identität: Die Musikerin Dana verwandelt sich in Delilah, aus der Galeristin Sarah wird Luddite und aus Helen, der Journalistin, ein Wesen namens Wunderla. Manche finden das verwirrend, die erste Frage von Journalisten lautet meistens: Seid ihr Lesben? Coughlin mag solche Festlegungen nicht: viel zu orthodox gedacht. Gewiss ist Gaggle feministischen Ideen verbunden, auf Konzerten bauen Politaktivistinnen ihre Stände auf. Gaggle könnte aber auch eine gütige Monarchie sein oder ein Virus, der sich ausbreitet. Nicht zuletzt betreibt Gaggle eine elektronische Dependance.

Zur Demonstration klappt Coughlin ihren Laptop auf. Gaggle ist auf diversen Plattformen präsent, über YouTube gibt es Gaggle-Videos, über Facebook werden neueste Nachrichten aus dem Gaggle-Kosmos ausgetauscht, 1253 Personen gefällt das. Ein assoziiertes Gaggle-Mitglied versorgt die Gemeinde gar von Pakistan aus per Blog mit Einschätzungen, wie die Lage der Frau dort zu sehen ist. So kommt zwar kein Geld herein, aber man darf sich als Teil eines Netzwerks fühlen, und das ist in der Kälte des heutigen Berufsalltags auch etwas wert. Als virtuelle Gemeinschaft hat das Projekt Gaggle etwas von einem Pub, in dem das soziale Geschnatter auf elektronischen Wegen hin und her wandert. Und doch würde Gaggle nicht funktionieren, käme man nicht in regelmäßigen Abständen seinem Kerngeschäft nach: der Veranstaltung ekstatischer Gaggle-Konzerte.

Es sind die Konzerte, auf denen das Kollektiv aus seiner Virtualität heraustritt, die Community erkennt sich darin wie in einem Spiegel. Gaggle-Konzerte sind Kult, weil jeder, der sich dem Gaggle-Ansatz verbunden fühlt, auf Gaggle-Konzerten Kontakt mit etwas Größerem aufnimmt. Dass es dabei regelmäßig zu bacchantischen Szenen kommt, ist Teil des Vergnügens. Zu später Stunde, wenn das Geschehen sich in die George Tavern verlagert, wo oft bis in die Nacht hinein gefeiert wird, bewahrheitet sich die zentrale Botschaft des Gaggle-Smash-Hits Flies: "Mum’s drunk, Dad’s drunk, friend’s drunk, foe’s drunk, I’m a drunk, I’m a drunk, I’m a drunk". Trinken macht nun einmal fast so viel Spaß wie Singen, sagt Deborah Coughlin. Noch spaßiger ist es nur noch, den ganzen Haufen zu leiten.

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