Das Spiel war aus, und Didier Yves Drogba Tébily vom Volk der Bété, der seine Mannschaft Chelsea gerade zum Triumph im englischen Cup-Final geschossen hatte, hätte in die Kurve rennen können, er hätte jubeln können mit den Fans, aber Drogba lief hinüber in die andere Hälfte und hielt Kurs auf Kevin Boateng, der wie ein geprügelter Hund über den Rasen schlich. Boateng hatte Ballack aus dem Spiel getreten, einen Elfmeter hatte er vergeben, und jetzt legte Drogba seinen Arm um ihn. Sie gingen ein paar Schritte, und Drogba strich ihm zärtlich übers Haar. Er war wohl der einzige von den Gewinnern, der in diesem Augenblick an den Verlierer dachte.

"C’est Didier" , sagt Drogbas Vater, als er ein paar Tage nach dem Cup-Final seinen Mercedes durch den stinkenden Verkehr von Abidjan lenkt. Albert Drogba ist ein ruhiger, älterer Herr mit einer großen Brille im Gesicht. Er lächelt zufrieden. Das vergangene Jahr war bislang das beste in der Karriere seines Sohnes: Pokalsieger mit Chelsea, Meister in der Premier League, mit 29 Toren bester Schütze und wieder mal Fußballer des Jahres in Afrika. Monsieur Drogba, der einmal Banker war und später Putzmann, ist mittlerweile hauptberuflich Vater, ein Statthalter seines Sohnes in der Heimat. Es ist ein öffentliches Amt, das mit einem Budget ausgestattet ist und ihn mit Stolz erfüllt. Zum ersten Mal wird eine WM in Afrika stattfinden, und sein Sohn soll das Gesicht dieses Turniers sein.

Seit Kurzem gibt es einen eindrucksvollen Werbespot von Nike, der die Dramen der WM-Stars durchspielt. Rooney und Ronaldo kommen darin vor, Messi, Ribéry, die Großen des Fußballs. Der Spot, gedreht vom Babel -Regisseur Iñárritu, beginnt mit Didier Drogba, der in einem vollen Stadion ein paar Verteidiger abschüttelt, als wären es nur lästige Moskitos. Flutlicht. Das leuchtende, orangefarbene Trikot der Elfenbeinküste. Die Kapitänsbinde. José Mourinho, der Drogba lange Zeit trainierte, hat einmal gesagt: "Wenn ich einen Spieler wählen müsste, mit dem ich in die Schlacht ziehe, dann nähme ich Didier." Drogba ist auf dem Platz eine Naturgewalt, einer, der von seiner Kraft lebt, von seiner Schnelligkeit, von dieser Aura eines Kriegers. Als er im Werbespot an den Verteidigern vorbei ist, lupft er den Ball über den Torwart, und während der Ball fliegt, blendet der Film nach Afrika, wo man Menschen tanzen sieht, auf der Straße, auf den Dächern, es sind Menschen, die Drogba wie einen Heiligen verehren, weil er ihr vom Bürgerkrieg zerrissenes Land zusammenhält.

Das amerikanische Magazin Time hat Drogba kürzlich in seine Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Welt aufgenommen. Dort steht er in einer Reihe mit Nobelpreisträgern, Wirtschaftsbossen und Staatspräsidenten. Er steht auf dieser Liste, weil er mehr ist als ein Fußballspieler. Drogba ist ein Mythos.

Durch den Verkehr von Abidjan rollen Busse, auf deren Heck Drogba gepriesen wird: "Didier ist groß", "Merci Didier" . Wegen Drogba, sagen manche in Abidjan, schweigen jetzt die Waffen. Wegen Drogba gibt es bald ein neues Krankenhaus. Wer wie Drogba ist, der kann es schaffen, die dunklen Tage zu überwinden. Drogbacité, so nennt man die Lebensart, die er verkörpert: bescheiden, großzügig und tolerant.

"Didier ist wichtiger als unser Präsident", sagt Drogbas Bruder Joël, "bei ihm weiß man wenigstens, wo er sein Geld herhat."

Wer erfahren will, wie es zu dieser unglaublichen Geschichte kam, der kann den Spuren dieses Mannes folgen: Im französischen Savigny-sur-Orge bei Joël, der auch mal Profi werden wollte; in Paris, bei seinem Onkel, wo Didier Drogba aufgewachsen ist; an der Elfenbeinküste, wo der Vater vorgeschlagen hat, rauszufahren nach Niaprahio, in das Heimatdorf seines Clans. Dann werde man verstehen, sagt Albert Drogba, was es heißt, wenn einer die Erwartungen einer Familie, eines Landes, eines ganzen Kontinents auf seinen Schultern tragen muss.

Albert Drogba wird auf der Reise nicht verhindern können, dass der Mythos seines Sohnes ein paar Risse kriegt.