Wie ein Asket kommt er daher, wie ein Mann, der den irdischen Freuden abgeschworen hat, sparsame Mimik, angezogen im Grau eines Mönches. Abgesehen davon ist Joachim Löw verletzt. Eine leichte Zerrung, Folge eines Sprints beim Spiel mit den Mannschaftsbetreuern. Nur wer genau hinsieht, bemerkt sein schiefes Kreuz. Er blickt über den fußballplatzgroßen Swimmingpool der Hotelanlage und schweigt. Hier, etwa hundert Kilometer von Palermo entfernt, hat sich Deutschlands Fußballelite auf den Gipfelsturm eingestimmt, mit Spielerfrauen und drei Golfplätzen. Im Zentrum, aber ganz ruhig, der Mann, der es richten soll: Joachim "Jogi" Löw, 50. In seinen Augen, die über das Mittelmeer streifen, scheint die Ferne zu wohnen. Im Untergeschoss dröhnt der Rapper Bushido aus vibrierenden Boxen, während Marcell Jansen auf dem Ergometer Tempo macht. Das kanadische Fernsehen möchte mit Michael Ballack sprechen, aber der verletzte deutsche Kapitän liegt in seinem Zimmer auf seinem Bett. Niemand weiß, was aus all den Werbeverträgen wird, die Ballack als Held in Südafrika zeigen. Abrupt dreht Löw sich um. Ein Espresso, Wasser ohne Kohlensäure. "Legen Sie los!"

ZEITmagazin: Herr Löw, es sind nur noch ein paar Tage bis zur WM, sagen Sie uns in einem Satz: Wie wollen Sie mit Ihrer Mannschaft in Südafrika bestehen?

Joachim Löw: Wir werden Fußball spielen, statt Fußball zu verwalten.

ZEITmagazin: Und jetzt bitte etwas konkreter.

Löw: Wir müssen in der Lage sein, dem Gegner jederzeit unser Spiel aufzuzwingen. Das betrifft nicht nur die Offensive, sondern auch die Defensive. Wer dem Gegner Zeit und Raum nimmt, sein Spiel zu entwickeln, handelt aktiv und keineswegs zerstörerisch.

ZEITmagazin: Für alle Fußball-Anfänger: Wo steht die Mannschaft im Vergleich zu jenem umjubelten Team, das bei der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland gespielt hat?

Löw: Was nach dem "Sommermärchen" gerne vergessen wurde: Auch 2006 gab es in vielen Bereichen Defizite. Die wurden jedoch kompensiert durch diese ungeheure Begeisterung, die während der Weltmeisterschaft in Deutschland herrschte, durch die Energie, die entsteht, wenn man als Heimmannschaft vor 80.000 Menschen spielt.

ZEITmagazin: Der Spielstil von 2010 scheint jedoch nicht mehr jener ausgelassene Offensivfußball zu sein, den Sie gemeinsam mit Jürgen Klinsmann 2006 kreiert haben.

Löw: Wir haben immer daran gearbeitet, dass unsere Mannschaft ein Spiel beherrschen kann. Es gab da Rückschläge, aber in den wichtigen Spielen, nehmen Sie die beiden Spiele in der WM-Qualifikation gegen Russland, ist es uns gelungen, die gewünschte Leistung abzurufen.

ZEITmagazin: Wer Sie bei diesen Spielen vor Ihrer Trainerbank stehen sah, musste Angst um Ihre Gesundheit haben. Tunnelblick, bleich das Gesicht, immer wieder von körperlichen Eruptionen geschüttelt – schmerzt Sie das Geschehen auf dem Platz bisweilen?

Löw: Sie können mir glauben: Mir macht das Spaß. Spiele, in denen es um alles geht, das ist genau mein Ding, da bin ich wirklich in meinem Element. Gegen Russland, Portugal, gegen Argentinien, das sind Situationen, die ich liebe. Alles oder nichts!

ZEITmagazin: In Südafrika werden Sie in dieser Hinsicht wohl auf Ihre Kosten kommen – und das auf fremdem Terrain: Es herrscht Winter, an manchen Spielorten liegen die Temperaturen bei kaum zehn Grad über null, die Höhenluft kommt dazu...

Löw: Bevor die Liste möglicher Entschuldigungen immer länger wird: Das alles darf doch keine Rolle spielen. Ich bitte Sie! Ein guter Fußballspieler ist überall gut. Einer wie Didier Drogba vom FC Chelsea spielt bei Nieselregen in London genauso gut wie in seiner Heimat an der Elfenbeinküste bei 40 Grad im Schatten. So muss das auch sein.