Lange Jahre galt Gianfranco Fini als Prinz Charles der italienischen Politik: der ewige Stellvertreter und seit Ewigkeiten designierte Nachfolger von Silvio Berlusconi, 16 Jahre jünger als sein Boss. Manchmal äußerte er eigene Standpunkte, alles in allem aber zeigte er sich erstaunlich duldsam. Sogar die von ihm selbst gegründete Partei Alleanza Nazionale (Nationale Allianz) hatte Fini im vergangenen Frühjahr aufgegeben, um mit Berlusconis Forza Italia zum "Volk der Freiheit" zu fusionieren. In dieser Partei nahm er gefügig den Posten der Nummer zwei an. Alles für das Ziel, irgendwann einmal die Nummer eins zu werden – wenn der fast 74-jährige Berlusconi endlich abdanken würde.

Doch nun ist alles anders. Fini hat mit Berlusconi gebrochen. Seither herrscht Krieg. Der Regierungschef hat seinen politischen Ziehsohn verstoßen; zuletzt haben aber immerhin 35 Abgeordnete, Senatoren und EU-Politiker der neuen gemeinsamen Partei sich auf Finis Seite gestellt. Der Konflikt erschüttert Italiens Regierungspartei. Denn Fini hat gewagt, was sich bis dahin noch keiner getraut hat: mit Berlusconi abzurechnen – und zwar öffentlich.

Bei einer Sitzung des Parteivorstandes hielt der "Kronprinz" eine Rede, die Berlusconi vor Wut schäumen ließ. Das Fernsehen übertrug die minutiöse Kritik an undemokratischen Parteistrukturen, Führerkult und am Rechtsruck der Partei. Fini warnte vor Identitätsverlust, wenn das Freiheitsvolk in Norditalien die fremdenfeindliche Propaganda des Koalitionspartners Lega Nord "kopiere", anstatt, wie im Parteiprogramm vorgesehen, eine auf Integration ausgerichtete Politik zu betreiben. Tatsächlich hatte sich die Anpassungsstrategie der Regierungspartei nicht sonderlich bewährt: Bei den Regionalwahlen im März behauptete sich die Lega im Norden als stärkste Partei.

Finis Kritik trifft also ins Schwarze, aber nicht nur das macht sie für Berlusconi unerträglich. Der alternde Anführer umgibt sich schon seit Langem nur noch mit Jasagern. Er teilt die Welt in Freunde und Feinde. Zu Letzteren zählt im Prinzip jeder, der sich ihm nicht vollends unterwirft. Prompt beschimpfte der wütende Parteichef seinen rebellischen Stellvertreter als "Verräter" und forderte ihn lautstark zum Rücktritt von seinem Posten als Präsident der Abgeordnetenkammer auf. Fini sprang von seinem Sitz auf, sprintete wild gestikulierend auf Berlusconi zu und brüllte erregt: "Willst du mich rausschmeißen?" Die fassungslosen Vorstandsmitglieder sahen ein Duell, bei dem es beinahe zu Handgreiflichkeiten gekommen wäre. Es war das absehbare Ende einer politischen Männerfreundschaft, die Italien in den letzten 15 Jahren geprägt und über lange Strecken regiert hat. Und die weniger auf gemeinsamen politischen Zielen fußte als auf Finis Ehrgeiz und auf Berlusconis Unvermögen, anstelle eines Wahlvereins eine funktionierende politische Partei zu konstruieren. Beide brauchten einander – Fini benötigte Berlusconis Unterstützung, um seine rechtsextreme Vergangenheit bei den italienischen Neofaschisten abzulegen und politisch salonfähig zu werden. Berlusconi brauchte Fini, weil die Nationale Allianz über alles verfügte, was Forza Italia nicht besaß, von parteinahen Gewerkschaften bis zu erfahrenen Regionalpolitikern. Dieser Pakt funktionierte lange – trotzdem haben sich am Ende beide vertan. Berlusconi, weil er von Fini Dankbarkeit und blinde Loyalität erwartete. Und Fini, weil er Berlusconis Versprechen glaubte, ihm mittelfristig das Feld zu überlassen.

Berlusconi hat den Jüngeren aus der Schmuddelecke geholt. Ende 1993, da war er noch Medienunternehmer und kein Politiker, lobte der Mailänder den jungen Mann aus Bologna: "Den würde ich wählen." Fini kandidierte damals für das Bürgermeisteramt in Rom und war noch Neofaschist. Wenige Monate später gewann Berlusconi die Wahlen und machte Fini zu seinem Koalitionspartner. Erstmals nach dem Krieg regierte in Italien die radikale Rechte mit. Im Überschwang seines jüngsten Erfolgs bezeichnete Fini den "Duce" Benito Mussolini als "größten Staatsmann des 20. Jahrhunderts". Das war ein Fehler. Europäische Amtskollegen weigerten sich, die neofaschistischen Minister aus Italien per Handschlag zu begrüßen – Fini und seine Leute standen wieder in der ultrarechten Ecke.

Doch Gianfranco Fini hatte seine Lektion gelernt. Beharrlich und beständig entfernte er sich von seiner eigenen Vergangenheit, zunächst indem er die neofaschistische MSI auflöste und die Nationale Allianz gründete. Die Rechtsradikalen spalteten sich damals schon, aber Fini ging noch weiter. Er distanzierte sich jetzt nicht nur vom Faschismus – er verurteilte ihn auf das Schärfste und nannte die "Rassengesetze" Mussolinis gegen die italienischen Juden das "absolut Böse". So äußerte er sich in Israel, bei einem Staatsbesuch. Fini tat öffentlich Buße in Jad Vaschem und auch im ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz. Zu Hause führten diese Bußgänge zu einer erneuten Abspaltung: Rechts von der Nationalen Allianz gründete sich La Destra, die Rechte. Zum Gründungsparteitag, wo mit ausgestrecktem rechtem Arm der faschistische Gruß entboten wurde, war Silvio Berlusconi als Ehrengast eingeladen. Fini natürlich nicht, er galt ja als Verräter.

Fortan überholte Berlusconi seinen Juniorpartner rechts. Er ging mit La Destra Wahlbündnisse ein und machte eine rechtsradikale Politikerin zur Staatssekretärin. Die Tourismusministerin Michela Brambilla wurde beim Faschistengruß fotografiert und musste sich dafür nicht rechtfertigen. Der Nationalfeiertag am 25. April zur Erinnerung an die Befreiung Italiens vom Faschismus ist in Berlusconis Regierung umstritten – viele Minister boykottieren ihn. Berlusconi betreibt seither genau das, was Fini ein für alle Mal überwinden wollte: Revisionismus. Nicht neofaschistische Kräfte, sondern die Kommunisten sind in Berlusconis Weltbild die Finsterlinge der italienischen Historie. Unbeirrt betreibt er antikommunistische Propaganda, obwohl sich die KPI bereits 1991 aufgelöst hat und ihre kleinen, traditionalistischen Nachfolgeparteien vor zwei Jahren noch nicht mal mehr den Sprung ins Parlament schafften.