Der Riss: Die Deichläufer entdeckten ihn im Morgengrauen. 3,8 Kilometer hinter der Stelle, wo die Neiße in die Oder mündet, hatte sich die Grasdecke gelöst und einen 25 Meter langen Spalt geöffnet. Einen ganzen Tag lang war der lädierte Flutwall die Topmeldung in den Medien. Ein Symbol für die Sorge, das Hochwasser könnte in Brandenburg erneut ein Unglück verursachen wie 1997.

Die Helfer aber, die vor dem Feuerwehrhaus am Eingang des 350-Seelen-Örtchens Ratzdorf saßen, mutmaßten: "Die Journalisten wollen wohl gar nicht, dass nichts passiert." Denn hatten nicht 30 Leute die prekäre Stelle schnellstens mit Kiefernzweigen und Sandsäcken geflickt? Die Schnittstelle sprang sofort ins Auge zwischen einem Abschnitt aufgeweichten veralteten Schutzwalls und dem neuen, sanierten Deich – und der stand vor Ratzdorf wie eine Eins. So sahen Feuerwehrleute wie Bewohner den Schrecken in der Morgenstunde als Beleg dafür, wie perfekt man diesmal für das Hochwasser gewappnet war.

Das erneute Oderhochwasser verlief glimpflich , man habe aus der Jahrhundertflut von vor 13 Jahren gelernt, sagen alle Helfer. Doch was sind die Lehren aus dieser neuen Bewährungsprobe? Wird Hochwasser, sobald alle maroden Schutzwälle ersetzt sind, kein Thema mehr sein?

Das Gegenteil ist richtig: An der Oder lässt sich alles studieren, was Gesellschaften beschäftigen wird, solange Menschen am Flussufer wohnen. Neue Superdeiche sind nur ein erster Schritt auf dem Weg zum Miteinander von Mensch und Wasser, Nutzlandschaft und Natur.

Immerhin: Schon im Frühjahr 1998, wenige Monate nach dem Jahrhunderthochwasser, hatte man mit der Sanierung der Deiche begonnen. Endlich, denn bereits in den siebziger Jahren hatten Wasserbauingenieure der DDR den Zustand der Schutzwälle kritisiert. Doch erst nach den Schäden der Jahrhundertflut von 1997 floss das notwendige Geld. EU, Bund und Land stellten 220 Millionen Euro zur Verfügung.

Ute Petzel ist Bürgermeisterin der Gemeinde Neiße-Münde, zu der auch Ratzdorf gehört. Im Büro der Feuerwehr sieht man die zierliche Politikerin auf einem Foto mit Bundeskanzler Helmut Kohl und Landesumweltminister Matthias Platzeck über Sandsäcke balancieren. "Wir hatten ja 1997 null Vorkehrungen getroffen", erzählt Petzel.

Dabei gehört Ratzdorf zu einer der gefährdetsten Stellen. Am Mündungsweg, der parallel zur Oder verläuft, waren die Häuser kräftig unterspült. Trotzdem begann man hier erst sechs Jahre später damit, den Ort zu schützen. "Ja, einige haben sich quergestellt gegen den Deich", sagt Petzel. Genaueres will auch sonst niemand in dem 350-Seelen-Ort erzählen. Wenn einer sein Land nicht verkaufen, der andere eine Zufahrt oder den freien Blick auf den Fluss behalten will, dann bedeutet das beim Deichbau zähe Verhandlungen um Kompromisse – in Ratzdorf wie anderswo.

Umso größer ist die Leistung, innerhalb von 13 Jahren 90 Prozent der Deiche erneuert zu haben. Den Unterschied kann man jetzt in der Neuzeller Niederung sehen: Der alte Deichabschnitt mit dem vielzitierten Riss, der sich bis kurz vor Eisenhüttenstadt erstreckt, ist ein einziger Flickenteppich mit vielen Sandsäcken. Der Pegel der reißenden Oder steht nur eine Handbreit unter der Krone. Die neuen Deiche hingegen sind bis zu 70 Zentimeter höher und mit einem 4-Zonen-Filter ausgestattet. Zur Wasserseite dichten Ton und Lehm den Deichkern ab, dann bilden Sand, Kies und Schotter eine Sickerlinie. Die Brandenburger haben seit 1997 in dieser Bauart 150 von 163 Kilometern Hauptdeich entlang der Oder saniert.