Eine der wenigen guten Nachrichten dieser Tage ist, dass die Wirtschaftskrise den weltweiten Ausstoß von klimaschädlichem Kohlendioxid vorübergehend hat sinken lassen. Doch anstatt die Gunst der Stunde zu nutzen und den fälligen Abschied vom Wirtschaften auf Kosten künftiger Generationen zu organisieren, kommt die internationale Klimapolitik nicht voran. Ein Abkommen, das die Erde wirksam vor übermäßiger Erwärmung schützt, ist in weite Ferne gerückt.

Zwar verhandeln seit Montag in Bonn – erstmals nach dem diplomatischen Desaster des Kopenhagener Klimagipfels vor einem halben Jahr – wieder Abgesandte aus fast 200 Ländern unter der Regie der Vereinten Nationen. Dass sie nennenswerte Fortschritte erzielen, ist jedoch fast ausgeschlossen. Mittlerweile rechnet sogar kaum noch ein Kenner der Szene damit, dass wenigstens Ende des Jahres bei der nächsten Ministerkonferenz im mexikanischen Cancún der ersehnte Durchbruch erzielt wird. Bestenfalls werde man sich dort auf Einzelregelungen, zum Beispiel zum Waldschutz, einigen können.

Die Staats- und Regierungschefs der EU, die sich gern zur Öko-Avantgarde zählen, haben die Erwartungen ebenso heruntergeschraubt wie Greenpeace. Den Umweltaktivisten ist sonst nicht daran gelegen, für miese Stimmung in der grünen Gemeinde zu sorgen, doch "wenn man ehrlich ist", sagt Stefan Krug, Chef des Berliner Büros und Mitglied im Greenpeace-Klimateam, dann sei die Lage "ziemlich verfahren".

Das ist noch fast gelinde ausgedrückt. Den Klimakämpfern fehlt der Biss, obwohl der Trend zur Erderwärmung ungebrochen ist. In den ersten vier Monaten des Jahres 2010 hat sich laut der amerikanischen Ozeanbehörde NOAA sogar ein neuer weltweiter Temperaturrekord eingestellt. Und Ende 2012 verlieren die Auflagen, zu denen das Kyoto-Protokoll immerhin rund drei Dutzend Industrieländer verpflichtet, ihre Gültigkeit. Sie sind zwar unzureichend, weil sie nur etwa ein Drittel des weltweiten Treibhausgasausstoßes regulieren. Allerdings ist das Protokoll der einzige völkerrechtliche Vertrag, der überhaupt konkrete Bestimmungen zur Emissionsbegrenzung enthält. Werden sie nicht fortgeschrieben oder durch einen besseren Vertrag ersetzt, droht der Klimapolitik der Super-GAU.

Er rückt bereits immer näher, nicht nur weil die Wirtschaftskrise den Klimaschutz auf der politischen Agenda hat abrutschen lassen. Hinzu kommt, dass die Fronten im Klimapoker seit Kopenhagen verhärtet sind.

Noch immer hat es US-Präsident Barack Obama nicht geschafft, Mehrheiten für ein Klimaschutzgesetz im Kongress zu organisieren. Seit Kurzem liegt dem besonders widerspenstigen Senat zwar der Entwurf des American Power Act vor: Das rund tausendseitige Werk sieht erstmals ein nationales Klimaziel vor. Ob allerdings, trotz Ölpest, mindestens 60 der 100 Senatoren den Vorschlag befürworten, ist ungewiss. Stellen sich weniger dahinter, ließe sich eine zermürbende Verzögerungstaktik der Gegner nicht verhindern.

Dass die USA jemals dem Kyoto-Protokoll beitreten, gilt jedoch so oder so als ausgeschlossen. Ausgerechnet auf die Fortschreibung der darin vereinbarten Emissionsminderungspflichten pochen jedoch die in der sogenannten Basic-Gruppe zusammengeschlossenen Schwellenländer Brasilien, Südafrika, Indien und China. Das Problem: Ohne die Amerikaner schrecken sogar die Europäer davor zurück.