Wer ewige Wahrheit braucht, muss zum Glauben finden. Denn die Wissenschaft liefert bekanntlich statt Wahrheiten nur mehr oder minder gesicherte Theorien.

Ob diese die Realität korrekt beschreiben, darüber wird oft gestritten. Besonders rauflustig geriert sich in dieser Hinsicht die Zunft der Paläoanthropologen, die der evolutionären Geschichte des Menschen nachspürt. Weil der Gegenstand ihrer Forschung erstens weit in der Vergangenheit liegt, zweitens aus ziemlich spärlichen fossilen Knochenfunden besteht und es drittens in der Szene von großen Egos wimmelt, werden Dispute erbittert und gern unter der Gürtellinie ausgetragen. Und wenn es richtig Spaß macht, dann auch jahrzehntelang.

Insofern ist es eine gute Nachricht, wenn nun die neueste Ikone der Urmenschenforschung einen ordentlichen Zank auslöst: War Ardi ein sehr früher zweibeiniger Vorfahr des Menschen oder einfach bloß ein etwas seltsamer Affe? Das inzwischen berühmte Fossil eines Ardipithecus ramidus war 1992 vom Team des Anthropologen Tim White in Äthiopien geborgen worden – ein Jahrhundertfund, hieß es damals schon.

Geschlagene 17 Jahre lang analysierten die Forscher Fund und Fundort, bis man sich sicher war: Ardi starb vor rund 4,4 Millionen Jahren, war ein etwa 1,20 Meter großer Hominide und lebte im dichten Wald. Erst im vergangenen Jahr veröffentlichten White und seine Kollegen ihre Resultate in Science, das Fachblatt erklärte die Forscherleistung sofort zum "Durchbruch des Jahres" 2009 .

Wie es scheint, war das vielleicht etwas voreilig. Denn nun ziehen im selben Blatt die Kollegen gegen Whites Interpretationen zu Felde: Ardi sei kein früher Hominide gewesen, behaupten sie nach erneuter Analyse der Vermessungsdaten des kostbaren Fundes.

Das Wesen gehöre stattdessen in die Affenlinie der Evolution, die sich von der des Menschen schon vor sechs bis sieben Millionen Jahren trennte. Zudem habe es nicht im dichten Wald gelebt, sondern in der offenen Savanne. Und obwohl sich nach herrschender Meinung der aufrechte Gang genau dort entwickelte, wo man nicht mehr auf Bäume klettern und sich von Ast zu Ast schwingen konnte, sei Ardi anatomisch schon gar kein Zweibeiner gewesen.

Doch im Feld der Urmenschenforschung werden einmal errungene Positionen noch verteidigt, wenn die letzte Patrone längst verschossen ist. Die White-Truppe gibt sich also selbstverständlich unbeeindruckt. Die Kollegen hätten wohl die komplexe Gesamtschau der Befunde nicht recht zu würdigen gewusst, gibt man zu verstehen. Im Übrigen sei ein bisschen Krach unter Kollegen ja ganz normal.

So kann man also zum Popcorn greifen und sich schon mal auf die nächste Staffel von Desperate Anthropologists freuen. Der Streit um Ardi wird dem Publikum noch viel gute Unterhaltung bescheren. Und wieder einmal beweisen: In der Wissenschaft ist wirklich nichts in Stein gemeißelt – auch nicht, wenn es in Science stand.Ulrich Bahnsen