Sitia ist das letzte Städtchen am östlichen Ende Kretas. Einen Hügel weiter stehen nur noch vereinzelt Häuser, ein Straßenschild kündigt eine Ortschaft namens Paleokastro und ein Kloster an, sonst prägen staubige Hügel die Landschaft. Zwischen ihren niedrigen Sträuchern streifen Herden zotteliger Ziegen umher. Kein Baum spendet Schatten, kein Felsen durchbricht die Monotonie der Sidero-Halbinsel. Doch um die Ödnis ist ein Streit entbrannt: Auf der einen Seite stehen Umweltschützer, auf der anderen vertritt die Minoan Group der britischen Firma Loyalward Ltd. ihre Interessen. Den einen geht es um den Erhalt der unberührten Natur, den anderen um ein künstliches Urlaubsparadies: das Cavo Sidero Resort.

Denn das Ödland hat seine Reize. In einer Mulde zwischen den dürren Hügeln tauchen plötzlich Palmwedel auf. Zuerst vereinzelt, dann werden es immer mehr, und sie rücken dichter zusammen. Wie in einer afrikanischen Oase füllen sie bald ein ganzes Tal. Ein Tal, das zu einer tiefblauen Meeresbucht führt. Vai ist einer der drei letzten Winkel der auf Kreta heimischen Palmen. Einst ein kleines Paradies der Hippies, die am Palmenstrand schliefen, Haschisch rauchten und freie Liebe praktizierten, ist es heute ein Anziehungspunkt für Kolonnen von Reisebussen.

"3000 Besucher am Tag sind keine Seltenheit im Sommer", sagt Nikos Troulinos, der an der Kreuzung zum Strand seine Büschel mit Freilandbananen aufgehängt hat. Einst kreuzte der Mann, den sie heute Bananas nennen, die Weltmeere, doch eines Tages wartete ein Mädchen im Hafen auf ihn. Mitte der Achtziger steckte er die ersten Bananenpflanzen in die trockene Erde am Ende der Welt. Inzwischen besitzt er Plantagen mit Bananen und Oliven und Gewächshäuser voller Tomaten. Nur das Land gehört ihm noch immer nicht. Es gehört dem Kloster Toplou. Er hat es, wie er selber sagt, "zu einem fairen Preis" gepachtet: "Ich habe gefragt, und der Abt hat gesagt: Kein Problem. Wie viel Land willst du?"

Land hat das Kloster genug. Das ganze Ende der Welt ist in Gottes Hand. "Und das ist gut so. Wenn das lauter verschiedenen Leuten gehören würde, dann wäre hier alles längst zugebaut", sagt die Frau des Bananenfarmers. Bis heute überragt aber nicht ein Hotel die Palmen, und nur ein einziges Restaurant versorgt die Besucher. Der Rest ist Natur. Palmen, Sand, Sonne, Meer.

Das könnte sich bald ändern: Schon Anfang der neunziger Jahre begann der Abt nach Investoren zu suchen, um das Ödland für den Tourismus zu öffnen. "Es kamen Österreicher, Zyprer und Engländer", erinnert sich Bananas. Als die Engländer den Zuschlag erhielten, übernahm er die Aufgabe, sie zu den entlegenen Badebuchten und Naturschönheiten zu begleiten. Über Ziegenpfade führte er die Gentlemen zum Strand von Psili Ammos, dem "feinen Sand", und zum antiken Itanos. Die Engländer waren begeistert beim Anblick der strengen geometrischen Formen riesiger Steinquader inmitten der sanften Linien der sandigen Landschaft. Überwältigt standen sie auf den Ruinen der vor 1300 Jahren durch ein Erdbeben zerstörten Siedlung, die einst wie ein Palast auf silbrigem Schiefer über dem Meer thronte. Sie blickten über das Meer, auf das der ewige Wind am Kap seine Schaumkronen zaubert. Sie setzten sich auf die gestürzten Säulen der Basilika, liefen zum Strand hinunter, wo ein Hirte eine alte Kabeltrommel unter die Zeder gerollt und einen Marmorblock als Sitzbank davorgestellt hat, um die Gäste zu empfangen.

Und noch weiter hat sie Bananas geführt, bis ans letzte Ende vom Ende der Welt, bis zur schmalen Spur einer Landenge und zu einem Naturhafen, in dessen türkis leuchtendem Wasser ein knallrotes Fischerboot trieb und einen Hauch von Karibik in die Wüste zauberte. Als sie abends beim Essen zusammensaßen und in die Sterne sahen, sagte einer der Engländer: "So etwas Schönes dürfen wir nicht zerstören! Wir dürfen hier nur ganz dezent beleuchten." Bananas ist gerührt. "Was soll ich denn von solchen Männern halten? Das ist doch eine gute Sache!"

Aber in Paleokastro, dem kleinen Dorf am Wüstenrand, wächst seither der Widerstand. Als die Pläne von Straßen, neuen Siedlungen, Golfplätzen, einem Jachthafen in der "karibischen" Bucht und Fünfsternehotels mit 7000 Betten und einem Investitionsvolumen von 1,2 Milliarden Euro auf dem Tisch lagen, formierten sich die Dörfler gegen die Engländer und den Abt, suchten Unterstützung bei Journalisten gegen das Großprojekt. Inzwischen sind 12000 Unterschriften aus aller Welt zur Rettung der Wüste zusammengekommen, der Guardian und die Times haben berichtet.