Viele Legenden um die Dichterin Else Lasker-Schüler hat die Forschung in den vergangenen Jahren bereits ins Reich der Fantasie verwiesen. So auch jene, die damals 64-Jährige habe nach ihrer Ankunft im schweizerischen Exil 1933 auf einer Parkbank übernachtet und vom Verkauf ihrer Farbstiftzeichnungen leben müssen. Tatsächlich überwiesen ihre Verleger regelmäßig Geld. Nicht viel – aber zum Leben genug. Tatsächlich sind aber auch Hunderte von Zeichnungen der Frau mit den großen dunklen Augen erhalten geblieben, von denen manche ihre Briefe illustrierten, manche aber auch als autonome Kunstwerke entstanden sind. Sie zeichnete, kolorierte und collagierte ihre Werke oft anschließend noch – mit Stanniolpapier etwa, damit die Augen noch feuriger blitzen. Bisher galten diese Zeichnungen vor allem als Beiwerk zum eigentlichen, dem poetischen Werk der gebürtigen Elberfelderin. Von 8. September an wird nun das Jüdische Museum in Frankfurt eine erste Retrospektive auf die Dichterin als Zeichnerin zeigen. Gleichzeitig erscheint, als Abschlussband der vor 14 Jahren begonnenen historisch-kritischen Gesamtausgabe (Suhrkamp/Jüdischer Verlag), auch das Werkverzeichnis aller nachweisbaren Lasker-Schüler-Zeichnungen.

Beides wird nicht ohne Auswirkungen auf den Markt bleiben. Die Preise für die Autografe der Dichterin sind seit vielen Jahren konstant geblieben. Rund 1200 Euro muss bezahlen, wer eine Postkarte erwerben will. Briefe kosten ab 3000, Gedichtabschriften werden ab 9000 Euro angeboten. Die Zeichnungen von Else Lasker-Schüler hingegen sind seit Langem chronisch unterbewertet. Dabei steht ihr musealer Wert schon seit rund 90 Jahren fest. 1920 hatte die Berliner Nationalgalerie 104 Zeichnungen Else Lasker-Schülers von deren Freunden als Geschenk akzeptiert. 1937 als "entartet" beschlagnahmt, wurde dieses Konvolut in alle Winde zerstreut. Das gilt auch für jene bemalten Postkarten, die sich Lasker-Schülers Alter Ego "Prinz Jussuf" und dessen Freund, der "Blaue Reiter" Franz Marc, gegenseitig schickten.

Trotz aller Wertschätzung schafften es ihre Farbstiftzeichnungen selten, die 5000-Euro-Schwelle zu überschreiten. Das auf Handschriften spezialisierte Berliner Auktionshaus Stargardt bietet nun in seiner Auktion am 15. und 16. Juni ein sehr typisches Lasker-Schüler-Blatt zu einem fast unglaublich niedrigen Preis an. 2000 Euro lautet die Taxe für die handkolorierte Federzeichnung, auf der die Dichterin das Personal ihres 1919 erschienenen Briefromans Der Malik verewigt hat, sieben kunstvoll ineinander verschränkte Köpfe füllen das 12 mal 18 Zentimeter große Blatt, an dessen Rand Else Lasker-Schüler die Namen der Protagonisten geschrieben hat: "Jussufs Häuptlinge: Stambul, Memed, Mâr, Calmus, Asser, Gad und Salomein". Wann die Zeichnung entstanden und an wen sie gerichtet wurde, ist nicht bekannt. Sie stammt allerdings aus dem Nachlass von Adalbert Colsman, aus dessen Besitz 1998 zum Erstaunen der Fachwelt ein Konvolut von prominenten Künstlerbriefen an den Gründer des Folkwang Museums, Karl Ernst Osthaus, versteigert werden sollte – obwohl Colsman dessen Archiv 1963 eigentlich der Stadt Essen verkauft hatte. Colsmans Schwester Gertrud – die Gattin des Mäzens Osthaus – war mit Else Lasker-Schüler befreundet. Deren 1917 erschienene Gesammelte Gedichte enthalten die Widmung: "Die gesammelten Gedichte schenke ich meiner teuren Mutter und ihrem Enkel Paul / Das Umschlagbild, von mir gezeichnet, schenke ich Gertrud Osthaus".