Zwei Tage im Leben einer Königin umrahmen eine Geschichte, in der ein tragischer Unfall den Verfall einer Bauernfamilie auslöst. Im Juni 1969 fährt Königin Juliana durch die Niederlande, und alles steht Spalier. Tags darauf kann sie auf den Titelseiten des Noordhollands Dagblad und des Schager Courant lesen, wie ihre "spontane Persönlichkeit" den Zeitplan durcheinandergebracht habe. Weiter hinten im Schager Courant stößt sie auf eine kleine Meldung: Kind überfahren. Da erinnert sie sich an eine junge Mutter und ihr kaum zweijähriges Mädchen, dem sie die Wange gestreichelt hatte. "Anne", hatte die Kleine auf die Frage nach ihrem Namen schüchtern geantwortet. "Hanne", hatte ihre Mutter sie verbessert. "Das H ist nicht einfach", hatte die Königin gesagt, und hier beginnt die Geschichte.

Vierzig Jahre später geht sie zu Ende. Königin Juliana ist tot. Die Spuren ihres Besuchs verblassen in Fotoalben und Erinnerungen. Was nach strengem Protokoll begann, entfaltet der Roman nun nach innen, verfolgt die Spuren, die jener Unfall in einem Dorf, auf einem Hof, in einer Familie hinterlassen hat.

Nicht zum ersten Mal hat die Altbäuerin Anna Kaan, Hannes Mutter, sich mit einer Flasche Eierlikör auf dem Heuboden verschanzt. Das erinnert an Gerbrand Bakkers 2008 auch von der deutschen Kritik gefeierten Roman Oben ist es still, doch hier wird kein tyrannischer, bettlägeriger Vater ins Obergeschoss abgeschoben. Hier hat sich eine alte Mutter in ihre jahrzehntelange Trauer um das überfahrene Kind vergraben. "Ich werde nie wieder etwas feiern", denkt sie und: "Mit einer Tochter wäre es anders gewesen."

So aber liegt sie nun da, und der 1962 im niederländischen Wieringerwaard geborene Bakker lässt aus ihrem inneren Monolog heraus die Umrisse eines dem Untergang geweihten Bauernhofs erwachsen. Über ihr zerfällt das Ziegeldach, unter ihr hört sie das Scheuern und Stöhnen des Stiers Dirk. Der ist für sie nur noch "ein überflüssiger Klumpen Fleisch", denn es gibt keine Kühe mehr auf dem Hof der Kaans. Alles ist von Resignation und Stagnation durchdrungen. Zersprungene Fensterscheiben sind nicht ausgetauscht, ein Blumenkübel ist nie bepflanzt worden. In einer Schubkarre liegt ein alter Schafskadaver. Der Altbauer Zeeger hält in einem "Strohbuch" fest, wann sich seine Frau wieder aus ihrer plötzlich tochterlosen Existenz auf den Heuboden flüchtet. "Donnerstag, 9. Oktober 1969. Anna war wieder auf dem Stroh. Zum zweiten Mal. Kurz nach der Beerdigung konnten Jan und Johan ihre Mutter nicht finden", lautet ein Eintrag. Auch "über alles, was im Garten kaputtgeht", führt Zeeger Buch.

Kaputt gehen Dinge nicht nur im Garten. Gerbrand Bakker fasst den Verfall einer Familie und einer traditionellen Lebensform in subtile Bilder, etwa wenn das Radio im Melkstand, das den Kühen früher Musik vorgespielt hatte, durch eine unachtsame Bewegung zerstört wird: "Es prallt mit einer Ecke auf den weißen Fliesenboden und löst sich in seine Bestandteile auf, die Batterien verschwinden in der Melkgrube, der Lautstärkeregler rollt durch die offene Schiebetür in den Futtergang."

Das Gerät, das den Klang einer neuen Zeit, das die Stimmen der Außenwelt auf den Hof der Kaans gebracht hatte, verstummt unwiderruflich, doch das kümmert hier niemanden: "Klaas schaut dem Knopf hinterher, einen Augenblick später geht er ihm nach, ohne die Trümmer wegzuräumen." Mit solchen Szenen zeigt Gerbrand Bakker, was auf dem Hof nicht zur Sprache kommen will, denn wenn die Kaans zusammenkommen, haben sie sich wenig zu sagen. Der homosexuelle Sohn Jan jobbt seit Langem in einer Feriensiedlung auf Texel. Sein Bruder Johan ist im Kopf etwas langsam und lebt nach einem Motorradunfall in einer therapeutischen Wohngemeinschaft. Und der Hoferbe Klaas würde am liebsten alles verkaufen, wüsste dann aber nicht, wohin.

Einzig seine fünfjährige Tochter Dieke bringt noch Leben auf den Hof und spricht aus, was seit Jahrzehnten beschwiegen wird. Mit kindlicher Neugier trägt sie Spuren einer Tragödie zusammen, die sie selbst noch gar nicht versteht. "Hier liegen überall tote Menschen", ruft sie auf dem Friedhof, wo ihr Onkel Jan ein Kindergrab pflegt: "Und ich mach sie sauber!" Dass sie eine Tante gehabt haben soll, als sie selbst noch gar nicht geboren war, und dass diese Tante nie so alt geworden ist, wie sie jetzt, will ihr nicht in den Kopf.