John Wilders Absturz vollzieht sich so rasant, so senkrecht, als hätte Luzifer höchstpersönlich eine Falltür unter dem Mann geöffnet. John Wilder, ein unauffälliger New Yorker Mittelstandsmensch mittleren Alters, erfolgreicher Anzeigenverkäufer und Hauptfigur in Richard Yates’ Roman Ruhestörung, hat nicht ein paar Gläser, sondern ein paar Flaschen Whiskey zu viel intus, als sein Freund Paul ihn an einem Septemberwochenende 1960 direkt von der Hotelbar aus ins Krankenhaus bringt, ins Bellevue Hospital. Wilder hat sich ins Unberechenbarkeitsstadium gesoffen. Er ist mit den Nerven am Ende und mit der Geduld, so weiterzuleben, wie er lebt: Beschaulich, mit Kühlschrank, Familie, Fernseher, kleinen Affären bestens versorgt und grausam beengt. Bevor er in die Hotelbar wankt, ruft er von einer Telefonzelle aus seine Frau Janice an, um ihr mitzuteilen, weshalb er nicht zu ihr und dem zehnjährigen Sohn nach Hause kommen könne. Weil er Angst habe, "dass ich euch umbringen werde, deswegen. Euch beide."

Zügig wie ein Koffer auf dem Laufband wird John Wilder im Bellevue Hospital in die Psychiatrie überstellt, deren sieben Abteilungen dem Staffelungssystem verschärfter Depravation folgen. John Wilder landet ohne irgendeine Erklärung in der siebten, der "schlimmsten" Abteilung, auf der geschlossenen "Station für gewalttätige Männer". Er landet bei Gestalten, die, von einem Polizisten bewacht, von Psychopharmaka getrübt, von Zwangsjacken gefesselt, durch den Flur schieben. Niemand weiß, wer Verbrecher ist, wer Verrückter, wer beides. Weit und breit ist kein Arzt zu sehen. Die Betten reichen nicht für alle. Einige liegen auf dem Boden oder auf Matratzen. Am Ende des Flures befindet sich eine Art Höhle, im Stationsjargon "Abspritzecke" genannt. Sie dient der Injektion von Beruhigungsmitteln. Eine medizinisch eher willkürliche Maßnahme, über die zu entscheiden und die durchzuführen einem hünenhaften schwarzen Pfleger obliegt.

Wie diesen Ort und diese Szenerie stellt man sich irdische Höllen vor. Wilders Absturz ist eine wahre Höllenfahrt. Zwischen seinem Besäufnis und seiner Ankunft in der psychiatrischen Unterwelt liegen keine vierundzwanzig Stunden.

Der 1926 geborene amerikanische Schriftsteller Richard Yates kannte das Bellevue aus eigenem Erleben. Er war oft dort, als Patient. Er war der Sohn einer Alkoholikerin, er war dem Alkohol verfallen, er trank sein Leben lang in exzessiven Mengen, er litt an psychotischen Schüben, und er starb 1992 am Alkohol. In jedem seiner sieben Romane und zwanzig Erzählungen greifen Trunksucht und verschiedene Formen des Realitätsverlustes wie Zahnräder ineinander, um Menschen und Biografien zu zermahlen. Das Schicksal John Wilders ist ein Paradebeispiel dieser narrativen Mechanik, Wilder selbst ein Prototyp der Yatesschen Erzählwelt. Ein auch körperlich kleiner Mann, der sich einbildet, dass etwas Großes, Besonderes, ja Geniales in ihm steckt, der sich von dieser Illusion narren und dazu hinreißen lässt, den Job zu kündigen, Stadt, Frau und Sohn zu verlassen, um mit der jungen, abenteuerlustigen Pamela auf der anderen Seite des Kontinents, im Filmgeschäft Hollywoods, sein Glück zu versuchen. Aus der Klimax seiner verrannten Hoffnungen und ihrer Antiklimax, John Wilders hoffnungslosem Untergang, ergibt sich die Romanhandlung. Wer Yates kennt, kennt ihre Schwärze. Sie ist gereinigt von jedem hellen Schimmer.

Ruhestörung ist Richard Yates’ dritter Roman. Als er 1975 erschien, war der Autor schon ein tragischer Fall der amerikanischen Literaturgeschichte. Vom Publikum ignoriert, von zwei Frauen geschieden, von Süchten zerfressen und Schreibhemmungen gequält, ernährte er sich auf Nebenwegen des literarischen Schreibens, unter anderem mit dem Unterrichten von Creative Writing, und lebte erbärmlich. Der Ruhm, den ihm sein Debüt, das Meisterwerk Revolutionary Road (auf Deutsch Zeiten des Aufruhrs) aus dem Jahr 1961 eingetragen hatte, war längst verweht. Eine Handvoll Kollegen, Schriftsteller wie Raymond Carver, Richard Ford, Kurt Vonnegut, Joyce Carol Oates, verehrten den Außenseiter als Genie und literarische Vaterfigur. Ein jüngerer Kollege, Stewart O’Nan, war es auch, der dem Vergessenen 1999 mit einem Essay in der Boston Review zu einer triumphalen Wiederentdeckung verhalf. Seitdem werden die Yatesschen Werke in dichter Folge neu aufgelegt und ins Deutsche übersetzt. Wie so oft verdankt auch dieser literarische Nachruhm den letzten Energieschub dem Kino. Sam Mendes verfilmte 2008 Revolutionary Road mit Kate Winslet und Leonardo di Caprio. Sie spielen April und Frank Wheeler, ebenfalls zwei Menschlein, die sich mit der Überzeugung foltern, für Höheres geschaffen und irrtümlich im Haus mit Vorgarten, Wohlstandsmöbeln und Friedhofsruhe gelandet zu sein.

Der Vergleich mit Revolutionary Road oder mit Easter Parade aus dem Jahr 1976 zeigt Ruhestörung als den etwas schwächeren, was bei Yates heißt: als den nicht ganz so meisterhaften Roman. Im Erzählfluss wechseln sich Beschleunigung und Bremsung ab, der Charakter der Hauptfigur John Wilder wirkt eher gezimmert denn ausgefeilt. Vom ganzen Roman geht etwas Ruppiges, etwas wütend Hingeworfenes aus. Für den Leser aber liegt in dieser werkstatthaften Rohheit ein Erkenntnisgewinn. Deutlicher als in anderen Romanen zeichnet sich hier die philosophische Haltung, die spezielle europäische Prägung des amerikanischen Schriftstellers ab, der nach eigener Aussage für Revolutionary Road Flauberts Madame Bovary zum Vorbild nahm.

Das Psychiatriekapitel in Ruhestörung könnte allerdings von Franz Kafka abgesegnet sein. Wenn John Wilder aus der Welt in die Irrenanstalt gekippt wird, kippt der Realismus gleich mit. Zwar liefert der Roman eine plausible Begründung, weshalb Wilder in der Stationshölle schmort, ohne dass der Blick eines Arztes auf ihn fiele. Er wird am Wochenende des Labor Day eingeliefert. Ganz Amerika feiert und hat frei, offenbar auch die Ärzteschaft. Aber die Horrorwirkung der Episode verdankt sich nicht diesem misslichen Zufall. Sie verdankt sich vielmehr den Erzählelementen, die das Bellevue als universalen Ort inszenieren. Als Gleichnis jedweder Gefangenschaft, in der Willkür und Absurdität herrschen. Man kann das Bellevue als Gulag betrachten, als Konzentrationslager oder als Guantánamo. Und man kann ermessen, wie wenig der glasklare Stilist Richard Yates, der notorisch für seine ätzenden Gesellschafts- und Milieuschilderungen gerühmt wird, in Wahrheit mit der Schule des Sozialromans zu tun hat. Wie viel dagegen mit den großen Existenzialisten und Fatalisten der Moderne.