Ein Mann ohne Ort. Ein Werk zwischen allen Schubladen, aufklärerisch und romantisch, klassisch gelehrt und selberlebenssatt, durchzogen von eiswindschroffen wie zephyrsanften Tönen. Ein Werk, das sich kaum zerlegen lässt in die großen Gattungen, in Gedicht, Erzählung, Schauspiel. Der Spaziergang nach Syrakus,Mein Sommer 1805, die Apokryphen, die wundervollen Briefe sind alles das zugleich: lyrisch, prosaisch, dramatisch, philosophisch. Johann Gottfried Seume (1763 bis 1810) gehört – wie Jean Paul oder Hölderlin – zu den großen Inkommensurablen der deutschen Literatur.

Der Mann aus Sachsen, als Söldner vom Kasseler Landgrafen nach Amerika verkauft und, zurückgekehrt nach Europa, im bekannten Leipziger Göschen Verlag eine Zeitlang als Lektor untergekommen, blieb ruhelos. Immer wieder brach er auf und zog durch Europa. Seine Reiseschriften und Wandererfantasien beeindruckten seine Zeitgenossen, sie beeindrucken noch heute.

Ulenspiegel Verlag Erfurt, 2010; 574 S., Abb., 42 €

Viele Jahre hat sich auch der Germanist Dirk Sangmeister von Seume faszinieren und begeistern lassen. Zusammen mit dem (2009 verstorbenen) Kollegen Jörg Drews gab er in Suhrkamps Deutschem Klassiker Verlag die exzellente 1200-seitige Briefedition heraus. Jetzt hat Dirk Sangmeister, zum 200. Todestag Seumes am 13. Juni, ein umfangreiches Buch mit Studien und Fundstücken zu Werk und Leben des Freiheit suchenden, Freiheit fordernden Dichters zusammengestellt. Dazu gehören neu aufgefundene Verse und Briefe, Neues über die Zeit bei Göschen und den Aufenthalt im Zarenreich. Ein Seume für Fortgeschrittene, wohl wahr. Aber wer je mit dem ungewöhnlichen Dichter ein Stück des Wegs gegangen ist, der wird in dieser gediegen gestalteten kleinen Schatztruhe von Buch viel Überraschendes entdecken.