Die Frage: Boris und Mareike haben nach ihrer Heirat ganz neu angefangen und schließlich in einer Kleinstadt ein Fitnessstudio gegründet, das bald ein Renner wurde. Mareike, blond, schlank, attraktiv, ist die Seele der Firma. Niemand in dem neu aufgebauten Freundeskreis des Paares weiß, dass sie acht Jahre lang als Prostituierte gearbeitet hat. Boris muss manchmal geschäftlich verreisen. Jedes Mal, wenn er zurückkommt, bemerkt er, dass Mareike sich kühl gibt.

Wenn er sich ihr dann sexuell nähert, fühlt er sich elend. Sie behandle ihn wie einen ihrer damaligen Kunden, sagt er. "Ich kann einfach keinem Mann mehr trauen", antwortet Mareike. "Ich habe zu viele brave Ehemänner erlebt, die auf Geschäftsreisen fremdgehen!" – "Du musst die Vergangenheit vergessen", sagt Boris gekränkt. "Ich werfe sie dir ja auch nie vor!"

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Wolfgang Schmidbauer antwortet: Dass Paare neu anfangen können, ist eine wunderbare Errungenschaft der modernen Liebe. Sie verlangt aber auch viel Einfühlung. Ich vermute, dass Boris und Mareike über ihren beruflichen Erfolg den Kontakt zu ihrer gemeinsamen Geschichte verloren haben. Indem Boris trotz der von ihm wahrgenommenen Krise mit Mareike schlafen will, als ob nichts sei, bestärkt er sie in ihrem Verdacht, dass alle Männer gleich sind. Beide müssten sich klarmachen, dass sie ihre Beziehung weder durch eine bürgerliche Fassade sichern können, noch dadurch, dass Mareike Boris ewig dankbar ist.

Sie sollten ihre Ängste jedes Mal neu aufeinander abstimmen und sich von der Illusion, dass sie ihre Vergangenheit ganz überwinden können, so befreien wie von der Illusion, dass sie sie für immer beherrscht.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE.

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