Ein Mann von dreizehn Jahren ist in einem schwierigen Alter. Als ich dreizehn war, bin ich in eine unserer Lehrerinnen verliebt gewesen. Ach was, verliebt: Ich begehrte sie. Die Details des Liebeslebens waren mir im Großen und Ganzen bekannt, leider nur in der Theorie. Bis zu den ersten praktischen Übungen sollten noch etliche trostlose, leere, mir damals vergeudet erscheinende Jahre vergehen, es war verdammt demütigend. Ich hatte so viel zu geben. Ein Mann von dreizehn Jahren ist in einem schwierigen Alter.

Sie war Referendarin. Sie trug Ringelsöckchen! Sie roch nach Patchuli! Sie war so süß. Mein Gott – sie war höchstens 15 Jahre älter als ich, was sind schon 15 Jahre. Wenn sie mich verführen würde, sagte ich mir damals, würde ich sie glücklich machen wie keiner. Ich war nicht sehr helle, aber sah super aus. Später, mit 14, 15, 16, wurde es leider nicht einfacher, sondern schwieriger. Ein Mann von 16 Jahren ist nämlich in einem noch schwierigeren Alter. Mit 80 darf man alles – aber will man? Die Referendarin wird 95 sein.

Und nun möchte ich gerne wissen, wer, egal, ob Mann oder Frau, in der Schule niemals unkeusche Gedanken in Bezug auf eine Lehrperson gehabt hat. Schön ehrlich sein! Oh. Da gehen relativ wenige Hände nach oben.

Ich habe ferngesehen, Beckmann, und als Gast war der Schriftsteller Bodo Kirchhoff zugegen, der in seiner Kindheit ein Missbrauchsopfer war. Kirchhoff sagte Sachen, die jeder weiß und die eigentlich selbstverständlich sind. Mit meinen Worten: Kinder, erst recht Jugendliche, seien keine sexuellen Neutra, er habe diesen Lehrer sehr bewundert und, wenn er ganz ehrlich zu sich sei, wohl auch ermutigt. Das alles habe ihm zunächst nicht missfallen, die damit für ihn verbundenen Beschädigungen seien ihm erst nach und nach klar geworden. Daran fand ich nichts skandalös. Die Wahrheit kann eigentlich nie skandalös sein. Aber Beckmann hatte Angst, dass die sehr genaue Beschreibung der Empfindungen eines Opfers – das sich am Anfang oft nicht als Opfer begreift, auch deshalb ist später die Scham so groß – durch den Autor Kirchhoff als Verharmlosung des Missbrauchs verstanden wird. Er schnitt ihm immer wieder das Wort ab. Da fiel mir wieder einmal auf, dass die Welt zu kompliziert ist fürs Fernsehen. Jeder Gedanke, der vielschichtiger ist als eine Wagner-Kolumne in der Bild-Zeitung, könnte natürlich von irgendjemandem missverstanden werden.

Ich wurde älter, älter, und noch älter. Ich bemerkte einen neuen Trend. Frauen haben blutjunge Liebhaber (über 18, aber einige nur knapp), Madonna, Susan Sarandon, Demi Moore, Elke Heidenreich und so weiter. Ich dachte, aha, Sieg der Emanzipation. Eine neue Option für die Jungs von heute, auch wenn ich leider nicht mehr davon profitieren kann. Eine Kollegin sagte, es gebe dafür einen Fachbegriff, Berglöwinnen. Eine Berglöwin ist eine erfolgreiche Frau mit jungem Lover. Die offizielle Faustregel heißt, dass die Frau zum Zeitpunkt der Einschulung ihres Lebensgefährten mindestens volljährig gewesen sein muss. Andernfalls ist sie keine echte Berglöwin, sondern ein anderes Tier.

Toll, sagte ich, das ist bei den Männern immer schon so gewesen, nur dass die nicht "Berglöwen" heißen, sondern "alte Böcke". Die Kollegin schaute mich irritiert an. Ob mir nicht klar sei, dass eine ganz normale, nicht supererfolgreiche ältere Frau niemals Chancen auf die Eroberung eines 20-jährigen Unterwäschemodels hätte. Jede Frau müsse diese Chance haben! Da fiel mir wieder einmal auf, dass nicht alle Ziele der Frauenbewegung realistisch sind.

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