Wenn der radikale gesellschaftspolitische Wandel in den Niederlanden beschrieben wird, geht es immer um diesen Novembertag des Jahres 2004, als der Filmemacher Theo van Gogh auf offener Straße in Amsterdam von einem fanatischen Islamisten regelrecht abgeschlachtet wurde. Dieser Mord gilt als eine der entscheidenden Wegmarken für die dramatische Entwicklung vom liberalen Musterland zum fragwürdigen Paradies für erfolgreiche Populisten und gefährliche Rechtspolitiker.

Einen Tag nach dem Mord passierte etwas Bemerkenswertes: Der Amsterdamer Politiker Ahmed Aboutaleb, ein Sozialdemokrat und Muslim, hielt in der El-Kabir-Moschee eine wütende Rede. Er sagte: "Für denjenigen, der die wesentlichen Grundwerte unserer Gesellschaft nicht teilt, ist kein Platz in einer offenen Gesellschaft wie der niederländischen. Jeder, der diese Worte nicht mit uns teilt, täte gut daran, daraus die Konsequenzen zu ziehen und fortzugehen. Es kann nicht so sein, dass jemand von uns allen verlangt, dass wir seine Ansichten respektieren, und zugleich nicht bereit ist, die Ansichten anderer zu respektieren."

Die Niederlande, das Musterland alles Guten und Liberalen. Das ist ein Mythos

Sechs Jahre später sind die Worte auch deshalb so besonders, weil Ahmed Aboutaleb heute Bürgermeister von Rotterdam ist, der Stadt mit den meisten Migranten, den meisten Problemen, Arbeitslosigkeit etwa und Gewalt, sowie den größten Spannungen zwischen den verschiedenen Volksgruppen. Rotterdam war die Geburtsstadt von Pim Fortuyn, dem charismatischen Rechtspolitiker, der im Jahr 2001 von einem verrückten Tierschützer ermordet wurde. Fortuyn war offen homosexuell und attackierte ebenso offen Migranten und Muslime als Feinde der Niederlande – nur bei kleinen marokkanischen Jungs, sagte er, mache er eine Ausnahme, die finde er attraktiv. Trotz aller Widersprüche schien sein Siegeszug, der in Rotterdam begonnen hatte, bis zu dem Mord unaufhaltsam zu sein. In einer Fernsehumfrage wählten die Zuschauer unlängst Pim Fortuyn zum bedeutendsten Niederländer aller Zeiten.

Und nun hat Rotterdam den ersten linken, muslimischen Bürgermeister. Wie passt dies zu der These, die Niederlande seien auf dem Weg nach rechts? Und noch etwas erschüttert diese These, jetzt, kurz vor den Parlamentswahlen am nächsten Mittwoch. Im März noch hatte der selbst ernannte Fortuyn-Nachfolger Geert Wilders mit seiner sogenannten Freiheitspartei zwei Kommunalwahlen gewonnen, und die Weltpresse vermeldete voller Grausen bereits den sicher scheinenden Sieg des Rechtsfanatikers Wilders bei den landesweiten Wahlen. Lag seine Partei im Frühjahr in manchen Umfragen an der Spitze, ist sie nun deutlich abgefallen, hinter die Sozialdemokraten, die Liberalen und die Christdemokraten. Nach letzten Umfragen soll die Freiheitspartei, die unter anderem eine Kopftuchsteuer einführen will, etwa 16 der insgesamt 150 Parlamentssitze erhalten. Die großen drei Parteien liegen etwa jeweils bei 30 Sitzen.

Dass Geert Wilders von den Prognosen derart gestutzt wurde, quittierten die internationalen Medien meist mit Schweigen, als wären die Niederlande nur dann interessant, wenn irgendwelche politischen Horrorvisionen wahr würden. Dabei könnte ein Blick auf die Politik der vergangenen Monate gerade für Deutschland höchst aufschlussreich sein. Eine Beschäftigung mit diesem Nachbarn könnte neue, überraschende Wege in der Integrationsfrage weisen.

Mythos Niederlande. Das kleine, freie Land, durch und durch globalisiert. Das Musterland alles Guten und Liberalen? Na ja, sagt der Publizist Paul Scheffer, bei etwas genauerem Hinsehen bröckle dieser Mythos rasch. Er empfiehlt eine Tour mit dem Flugzeug, von dort oben begreife man schnell, was den eigentlichen Kern dieses Landes ausmache. Klein seien sie, diese Niederlande, umgeben und durchschnitten von Wasser, ohne Freiflächen, ohne Grün, alles besiedelt, bis zum letzten Zentimeter. Was dies bedeute? Nun, sagt Scheffer, ein solches Land brauche Regeln, in einem solchen Land bestehe ein großes Bedürfnis nach Kontrolle. Und das berühmte Rotlichtviertel in Amsterdam mit der zur Schau gestellten, freizügigen Sexualmoral? Oder die Freigabe der Drogen? Auch dahinter, sagt Scheffer, verberge sich das besondere Bedürfnis nach Kontrolle, auch die Abgründe und Schattenseiten möchten am liebsten im Blick gehalten werden. Und noch etwas: Ein derart räumlich enges Land habe eine ausgeprägte Sehnsucht nach Harmonie. Konflikte könne man nicht leiden. Dies sei hinderlich für mögliche Lösungen, wenn sich wirkliche Probleme abzeichnen: "Du brauchst den Willen zur Auseinandersetzung."

Paul Scheffer ist Experte im Austragen von Konflikten. Als er im Jahr 2000 einen Essay mit dem Titel Das multikulturelle Drama schrieb, brach ein Sturm der Entrüstung von allen Seiten auf ihn nieder. Denn sein Text hatte in drastischer Tonlage mit der falschen Idylle aufgeräumt, die Niederlande seien ein unkompliziertes, nettes und friedliches Einwanderungsland. Scheffer sah überall Probleme.

Bei den Migranten diagnostizierte er eine rückständige, konservative Grundhaltung. Sie hätten ihre Heimat verloren, ihre Wurzeln, und seien sozusagen aus Prinzip rückwärts orientiert. Die Sehnsucht liege in der Vergangenheit, und dies behindere ein echtes Ankommen in der neuen Gesellschaft. Auch die Niederländer ohne Migrationshintergrund, konstatierte Scheffer, würden eine Welt verlieren angesichts von mehr als einer Million Muslimen in ihrem Land, nämlich die eigene, die gewohnte. Auch sie sehnten sich nach der Vergangenheit, und auch hier sei dies ein Fluch, weil es verhindere, dass sich die Menschen auf eine neue Zeit einließen. Und dann gebe es noch die linke Elite, die immer noch von Multikulti schwärme und sich in schicken teuren Wohngegenden abends im türkischen Restaurant die Realität schöntrinke. Diese Leute greift Scheffer besonders scharf an, weil sie das Problem leugneten.